Mittwoch, 21. November 2018

Lissabon-Agenda Trendwende eingeläutet

Die Volkswirtschaften Europas sind bei der Lissabon-Agenda im vergangenen Jahr ein gutes Stück vorangekommen. Das ist das Ergebnis einer Untersuchung des Versicherers Allianz und des Brüsseler Think-Tanks Lisbon Council. Die Produktivität einiger EU-Staaten wachse sogar stärker als die der USA.

Frankfurt am Main - Nachdem sich die Staats- und Regierungschefs der EU im März 2000 getroffen hatten, hatten sie sich ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: Bis zum Jahr 2010 soll die Europäische Union (EU) zur "wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensbasierten Wirtschaft der Welt" sein. Sieben Jahre ist das her. Wo steht die EU sieben Jahre später?

Aufbruch: Das Denkmal der Eroberer mit der Statue des Seefahrers Vasco da Gama am Tejo-Ufer in Lissabon
Der Versicherer Allianz hat zusammen mit dem Brüsseler Think-Tank Lisbon Councial mit ihrem "European Growth and Jobs Monitor" eine Bestandaufnahme erstellt. Sie haben die Umsetzung der so genannten Lissabon-Ziele in der EU-15 und in den einzelnen größten Volkswirtschaften mit Hilfe der sechs Indikatoren Wirtschaftswachstum, Arbeitsproduktivität, Beschäftigungsquote, der Anteil hoch qualifizierter Arbeitskräfte, zukunftsorientierte Investitionen und Nachhaltigkeit öffentlicher Finanzen untersucht.

"Europa hat nach Jahren enttäuschender Leistung die Trendwende eingeläutet", fasst Allianz-Chefvolkswirt Michael Heise das Ergebnis der Studie zusammen. Die Reformbemühungen der vergangenen Jahre würden sich jetzt auszahlen. 90 Prozent der Ziele auf der Agenda haben die EU-15 Ende vergangenen Jahres erreicht. Vor einem Jahr waren im Schnitt 73 Prozent der Ziele umgesetzt. Zwar hat das hohe Wirtschaftswachstum 2006 klar dabei geholfen. Die Staatsmänner haben dem Wirtschaftswachstum bei der Erfüllung der Lissabon-Ziele ein sehr hohes Gewicht gegeben. Aber die Wirtschaftsexperten der Allianz und des Brüsseler Think-Tanks sehen klare Zeichen dafür, das auch strukturelle Verbesserungen zu der besseren Performance der Länder beigetragen haben. Die Autoren der Studie heben hervor, dass die Produktivität als Schlüsselfaktor für eine erfolgreiche Volkswirtschaft in Schweden, Belgien, Deutschland und Großbritannien schneller gewachsen ist als in den USA.

"Strahlender Star" Schweden

Die Spitzenposition hinsichtlich Wirtschaftswachstum, Arbeitsproduktivität, Beschäftigungsquote und öffentliche Finanzen besetzt im Ländervergleich erneut Schweden. Der "strahlende Star" unter den EU-15-Staaten, wie es in der Studie heißt, hat die Lissabon-Ziele sogar übererfüllt. Entscheidend für das sehr gute Abschneiden war die hohe reale Wachstumsrate der schwedischen Volkswirtschaft in Höhe von etwa 3 Prozent jährlich seit 2000.

Auf Platz zwei folgt Belgien, das Ende 2005 noch auf Rang acht stand. Die Volkswirtschaft hat sich am stärksten gesteigert. Vor allem die Verbesserung der Arbeitsproduktivität, der Orientierung am Wachstum ausgerichtete Investitionen und die Nachhaltigkeit des öffentlichen Haushaltes verbesserte die Position des Landes. Die Volkswirtschaft der Niederlande rutschte dagegen um einen Platz nach unten auf die dritte Position.

Deutschland hat sich im Jahresvergleich vom neunten auf den sechsten Platz verbessert und etwas besser performt als der Durchschnitt der EU-15. Bei der Umsetzung der ehrgeizigen Lissabon-Ziele habe Deutschland "gute Fortschritte" gemacht, loben die Autoren. Den größten Fortschritt hat Deutschland im Vorjahresvergleich bei der Produktivität geschafft. Vor allem die erfolgreichen Restrukturierungen der vergangenen Jahre in der Industrie würden nun Resultate liefern, heißt es. In 2006 sei die Produktivität doppelt so stark gewachsen wie im Schnitt der Jahre 2000 bis 2005.

Frankreich ist wegen des schleppenden Wachstums und der schwachen Produktivitätssteigerung vom sechsten auf den vorletzten Platz gerutscht. Das Schlusslicht unter den Top Ten bildet abermals Italien, wenngleich die Wirtschaftsexperten immerhin konstatieren, dass sich das Land in die richtige Richtung bewege.

Trotz der guten Performance der meisten EU-Staaten warnt der Allianz-Chefvolkswirt Heise davor, sich auf den Lorbeeren auszuruhen: "Der Reformzug, der auch mit dem Lissabon-Prozess in Bewegung gesetzt wurde, muss weiterfahren."

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