Herr Weigand, Sie haben für manager magazin eine exklusive Studie über die Staaten gemacht, die 2004 (Estland, Lettland, Litauen, Polen, Slowakei, Tschechische Republik, Slowenien, Ungarn, Malta, Zypern) und voraussichtlich 2007 (Bulgarien, Rumänien) der EU beitreten. Niemand in der EU steht der Erweiterung so skeptisch gegenüber wie die Deutschen. Viele fürchten um die Arbeitsplätze in den deutschen Grenzregionen, prophezeien politische Handlungsunfähigkeit und Subventionswahnsinn. Was ist Ihre Prognose?
Weigand: Deutschland ist derzeit in einer Sackgasse, daher die Sorgen: Was getan werden müsste, um den Standort attraktiv zu gestalten, wird nicht umgesetzt. Stattdessen hebt das Klagen an, weil sich bald der Wettbewerb verschärfen wird. Doch nur so bekommt Deutschland den nötigen Druck, sich strukturell zu reformieren. Der Sozialstaat will finanziert sein. Das wird er aber nicht, indem man Wettbewerb außen vor lässt, im Gegenteil.
mm.de: Nehmen wir eine Region wie Frankfurt an der Oder. Nicht ohne Grund fürchten viele die Abwanderung von Arbeitsplätzen ins benachbarte Polen. Glauben Sie, dass diese Entwicklung aufgewogen wird durch den Reformdruck und die Tatsache, dass die Region ihre Randlage verliert?
Weigand: Ja. Die Randlage ist dabei sogar ein entscheidender Punkt. Hierzu ein Beispiel aus der NAFTA, der North American Free Trade Association, die die USA, Kanada und Mexiko umfasst. Wenn Sie sich ansehen, welche Entwicklung die Region an der Grenze, zwischen dem nördlichen Mexiko und Texas genommen hat, als sich ihre Randlage in eine zentrale Drehscheibe wandelte, dann stimmt das optimistisch.
Die Stadt Monterey erlebte einen richtigen Boom, obwohl die Löhne jenseits der Grenze in Mexiko deutlich niedriger sind. Auch in Frankfurt wird es wieder sinnvoll sein, unternehmerisch tätig zu werden, wenn die bisherigen Hemmnisse fallen.
mm.de: In Ihrer Studie heißt es: "Viele Unternehmen haben ihre Strategien bisher nur unzureichend auf den jeweiligen Standort eingestellt." Was bedeutet das konkret?
Weigand: Eine Branche haben wir besonders genau beobachtet, nämlich die Bierindustrie. Viele Großbrauereien hofften auf einen entwicklungsfähigen Markt in Osteuropa. Dazu untersuchten sie detailliert, wie viel Bier dort getrunken wird, mit dem Ergebnis, dass vor allem in Russland und Polen der Konsum stark ausbaufähig ist.
Holsten kaufte daraufhin eine Brauerei in Polen, als Basis, um von dort aus zu wachsen. Vom Marktpotenzial her sicher eine vernünftige Entscheidung: Wachstumsraten von fünf bis zehn Prozent über zehn Jahre hinweg klingen verlockend.
Falsch eingeschätzt wurde aber die eigene Stärke. Holsten musste direkt mit Großbrauereien wie Heineken und Interbrew konkurrieren, die wesentlich größere Kapazitäten haben und aggressiver auftreten, als Holsten sich das leisten kann. Die Folge waren hohe Verluste und der Marktrückzug.
© manager magazin online 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH