Samstag, 16. Dezember 2017

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Internationale Energie-Agentur versagt bei Solar-Prognosen Solarenergie - elf Jahre Ignoranz auf einen Blick

Einmal im Jahr schaut die Energie-Elite dieser Welt nach London: Im November legt die dort ansässige Internationale Energie-Agentur (IEA) ihren Jahresbericht vor, den so genannten World Energy Outlook (WEO). So auch in dieser Woche.

Das um die 700 Seiten starke Schriftstück wird weltweit stark beachtet. Regierungen richten ihre Energiepolitik auch nach den Szenarien und Prognosen aus, die die internationalen Autoren für die Studie erstellen.

Naturgemäß liegen die IEA-Experten mit ihrem Blick in die Zukunft mal besser und mal schlechter. Beim allgemeinen Energieverbrauch trafen Vorhersagen tendenziell eher ein als etwa beim volatilen Ölpreis. Zahlreiche Rahmenbedingungen entwickeln sich eben sich anders als erwartet.

In einer Disziplin hat die IEA allerdings komplett versagt: Beharrlich weigerte sich die Organisation, den seit vielen Jahren politisch angestoßenen und schließlich auch tatsächlich erfolgenden Vormarsch der Solarenergie wahrzunehmen, wie die Grafik von Statista zeigt.

GRAFIK der Woche / Photovoltaik-Zubau

Unbeeindruckt von den kontinuierlich hohen Wachstumsraten dieser Technologie, gab sich die IEA Jahr um Jahr extrem konservativ für die weiteren Aussichten. Und das, obwohl erste Regierungen wie die deutsche bereits früh auf die Solarenergie setzten und die Preise rasant purzelten.

In den Jahren nach der Jahrtausendwende unterstellte der WEO immerhin noch einen gewissen Aufwärtstrend. Der Bericht von 2006 ging davon aus, dass der weltweite jährliche Solaranlagen-Zubau von einem Gigawatt installierter Maximalleistung (entspricht etwa der Spitzenleistung eines konventionellen Großkraftwerks) bis 2030 auf sieben Gigawatt steigen würde. In der Realität war dieses Ausbautempo allerdings schon 2008 erreicht.

Daraus zog die Agentur jedoch nicht den Schluss, dass die Sache mit der Sonnenenergie irgendwie Fahrt aufnehmen könnte - im Gegenteil. Später gingen die Autoren davon aus, dass der jährliche Zubau gar schrumpfen würde. So im WEO 2014: Nachdem 2013 satte 37 Gigawatt zugebaut waren, ging die Organisation davon aus, dass die jährliche Rate bis 2025 auf durchschnittlich 28 Gigawatt zurückgehen würde.

Tatsächlich rechnen Branchenkenner für das laufende Jahr (2017) mit einem erneuten Rekordjahr für die Solarenergie. Der Zubau soll demnach schon 100 Gigawatt betragen. Keine andere Form der Stromerzeugung wächst inzwischen so schnell wie die Solarenergie - auch in absoluten Zahlen.

Doch auch im jüngsten Report, der in dieser Woche vorgelegt wurde, erwarten die Autoren in ihrem mittleren Szenario erneut, dass der Ausbau zurückfällt, und zwar sogar unter das Niveau von 2016 (77 Gigawatt). Immerhin haben sie inzwischen ein besonders aggressives Szenario hinzugefügt, nachdem der Ausbau bis 2040 langsam auf 140 Gigawatt jährlich zulegen und die Photovoltaik dann einen Anteil von 15 Prozent an der weltweiten Stromerzeugung erreichen könnte (derzeit ein Prozent).

Ausführlich mit der schwer zu erklärenden Ignoranz der IEA hat sich der Wissenschaftler Auke Hoekstra von der Technischen Universität Eindhoven in mehreren Blogpost beschäftigt. Als einen möglichen Grund macht er eine strukturelle Unfähigkeit oder gar Angst der IEA aus, exponentielle Fortschritte neuer, billiger werdender Technologien abzubilden. Vor allem aber haben die Experten den Preisverfall der Photovoltaik schlicht unterschätzt mitsamt den daraus resultierenden neuen Einsatzmöglichkeiten auch in Schwellenländern wie China oder Indien.

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Die IEA selbst zieht sich immer wieder auf den Standpunkt zurück, sie liefere keine Prognosen, sondern lediglich Szenarien für den Fall, dass sich an den Rahmenbedingungen nichts oder wenig ändern würde. Ein offenbar untaugliches Verfahren, wenn es um neue Technologien geht. Wer oder was ganz genau hinter den Pannen-Prognosen der IEA steckt, ist indes kaum exakt zu ergründen - ihre Rechenmodelle legt die Organisation nicht offen.

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