Montag, 26. Juni 2017

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Toshiba schickt Atomkonzern Westinghouse in die Pleite Das Atomkraft-Risiko überfordert die größten Konzerne

Tom Fanning zieht genau die richtigen Register, um Donald Trump auf den Plan zu rufen. "Es gibt nicht nur finanzielle und betriebliche Verpflichtungen, sondern auch moralische", zitiert das "Wall Street Journal" (kostenpflichtig) aus einem Besuch des Chefs vom US-Stromkonzern Southern in Tokio.

Fanning fürchtet um sein wichtigstes Projekt, den Neubau von zwei Reaktoren für sein Atomkraftwerk Vogtle, seit der japanische Toshiba-Konzern für die US-Tochter Westinghouse am Mittwoch Gläubigerschutz beantragt hat. Auch im benachbarten South Carolina baut Westinghouse zwei neue Reaktoren - oder auch vielleicht nicht mehr, weil der Pionier der kommerziellen Kernkraft nicht mehr für die vertraglich zugesicherte Garantie der Mehrkosten aufkommen kann.

Die vier Reaktoren sind die einzigen Neubauten der Atomindustrie in den USA, auf die Präsident Trump setzt - die ersten, seit 1979 eine Havarie im Kraftwerk Three Mile Island die Technik infrage stellte. Neue Entwürfe müssen höheren Sicherheitsstandards genügen. Aber zugleich fehlt den Kraftwerksbauern Erfahrung. Die bei Großprojekten ohnehin notorischen Verzögerungen und Mehrkosten sind bei den Multi-Milliarden-Bauten so groß, dass sie selbst größte Konzerne in den Ruin reißen.

Toshiba Börsen-Chart zeigen versucht nun, sich mit der Trennung von der 2006 übernommenen Westinghouse selbst zu retten. Doch auch so steht dem japanischen Traditionskonzern die Filetierung an. Der wertvollste Unternehmensteil, die florierende Produktion von Chips für Smartphones, ist bereits zum Verkauf gestellt. Die Offerten seien so hoch, dass eine Überschuldung des Konzerns wohl vermieden werden könne, sagte Konzernchef Satoshi Tsunakawa.

Noch vor wenigen Wochen war am Finanzmarkt die Überlebensfähigkeit der Firmengruppe mit ihren fast 190.000 Mitarbeitern in Frage gestellt worden, die neben Computerchips und Atomkraftwerken auch Laptops, Industrieanlagen, Aufzüge und Waschmaschinen produziert.

Toshiba stimmte für das in wenigen Tagen auslaufende Geschäftsjahr auf einen Verlust von einer Billion Yen (8,3 Milliarden Euro) ein, fast dreimal so viel wie bislang angenommen.

Für die neuen Atomkraftwerke soll der Bau zunächst für 30 Tage von den Betreibern abgesichert werden. Wenn es auch danach weitergehen soll, könnten wohl die amerikanischen Steuerzahler einspringen müssen. In Frankreich hat der Staat bereits - teils per Weisung an seinen Stromkonzern EDF - den eigenen Akw-Bauer Areva gerettet, im März wurde eine letzte Kapitalspritze mit Toshibas heimischem Wettbewerber Mitsubishi besiegelt. Auch Areva hatte sich mit Neubauten im finnischen Olkiluoto und im französischen Flamanville übernommen.

mit reuters

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