Montag, 18. Juni 2018

Europäische Netzbetreiber beschuldigen Politik Warum ein Streit auf dem Balkan die Radiowecker in Deutschland verstellte

Hochspannungsmast bei Berlin

Viele Radiowecker und Herduhren in ganz Europa gehen seit Kurzem nach. Schwankungen im Stromnetz bringen die Geräte aus dem Takt. Ursache ist offenbar ein Dauerstreit zwischen Kosovo und Serbien um Strommengen.

Es klingt kurios: Erst gibt es Streit um Strommengen auf dem Balkan, die zwischen Ländern hin- und herfließen. Einige Wochen später dann gehen europaweit Radiowecker und Uhren an Elektroherden bis zu sechs Minuten nach. Doch genauso hat sich der Weckergate laut dem Verband der Europäischen Übertragungsnetzbetreiber (ENTSO-E) abgespielt.

Radiowecker und andere stromnetzgespeiste Uhren haben oft keine eigenen Taktgeber. Stattdessen messen sie den Ablauf der Zeit über die Schwingungen des Wechselstroms aus der Leitung. Das erspart die Kosten für eine Quarzsteuerung. Die Frequenz des Stroms liegt bei 50 Hertz, also 50 Schwingungen pro Sekunde. Nach dieser Zahl hat sich sogar einer der regionalen Netzbetreiber in Deutschland benannt, bei dem jetzt Chinesen einsteigen wollen. Solange dieser Wert gut eingehalten wird, gehen die daran gekoppelten Uhren zuverlässig.

Doch seit Mitte Januar wurde diese Zahl kaum noch erreicht, wie die Netzbetreiber nun mitteilen. Die Frequenz lag stattdessen bei etwa 49,95 Hertz. Die Abweichung zu 50 Hertz erscheint klein, aber sie hat sich über zwei Monate zu rund sechs Minuten Zeitunterschied addiert.

Zu wenig Strom eingespeist

Ursache seien Abweichungen in den Stromnetzen von Kosovo und Serbien. Es gebe politischen Streit zwischen den zuständigen Behörden beider Länder, teilte der Netzbetreiberverband mit.

Die Netzfrequenz sinkt, sobald zu wenig Energie ins System eingespeist wird. Üblicherweise wird dann kurzfristig zusätzliche Energie zur Verfügung gestellt - und das Problem verschwindet.

Bei den Netzen von Serbien und Kosovo ist dies aber offenbar über mehrere Wochen nicht geschehen. Mit den bekannten Auswirkungen für Stromnetze in 25 europäischen Ländern - von der Türkei über Polen, Deutschland und die Niederlande bis nach Spanien.

Dauerhaftes Leistungsdefizit

Laut Jutta Hanson von der TU Darmstadt wäre das Problem nicht aufgetreten, wenn die europaweiten Vereinbarungen für den Netzbetrieb eingehalten worden wären. Doch die Leistungsungleichgewichte im Bereich Serbien-Montenegro-Mazedonien seien nicht ausgeglichen worden. "Technisch bedeutet dies, dass über weite Zeiten ein Leistungsdefizit dieser Regelzone aus dem europäischen Verbund gespeist wurde", erklärt die Leiterin des Fachgebiets Elektrische Energieversorgung unter Einsatz erneuerbarer Energien.

Die nun beobachtete wochenlange Abweichung bei der Netzfrequenz sei so noch nie aufgetreten, erklärte der Verband der Europäischen Übertragungsnetzbetreiber. Der Streit müsse dringend gelöst werden, damit die vorgesehenen Werte wieder erreicht werden.

Dass die Frequenz der Netzspannung leicht schwankt, ist normal. In der Regel gleichen sich die Abweichungen aber aus. Mal ist die Frequenz zu niedrig, mal zu hoch, im Mittel dann bei den anvisierten 50 Hertz.

Wer die aktuelle Netzfrequenz wissen möchte: Der Schweizer Versorger Swissgrid zeigt sie in Echtzeit an und auch die momentan erreichte Zeitverzögerung von fast 360 Sekunden, also fast sechs Minuten.

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