Donnerstag, 18. Oktober 2018

Stromnetz besteht Stresstest Energiewende-Sonnenfinsternis 1:0 - doch das Spiel geht weiter

Sonnenfinsternis über Reykjavik am 20. März 2015: Der Mond schieb sich vor die Sonne

Am Ende haben alle alles richtig gemacht: Stromnetzbetreiber, Energiekonzerne und Wissenschaftler verhinderten mit ihren Eingriffen und Prognosen den Supergau für die deutsche Energiewende. Die Sonnenfinsternis am heutigen Freitag sorgte nicht für einen "Black Friday" samt Blackout im deutschen Stromnetz - trotz des massiven Ausbaus der Solarenergie blieb das Netz stabil.

Auch wenn die meisten Experten die Lage für beherrschbar hielten - durch eine Verkettung unglücklicher Umstände hätte es durchaus anders kommen können. Der Ausfall mehrerer Kraftwerke zum Beispiel wäre ein solcher Umstand gewesen.

Umso größer die Erleichterung in der deutschen Energieszene. "Energiewende -Sonnenfinsternis 1:0", jubelte beispielsweise das Bundeswirtschaftsministerium via Twitter.

Für Freundentänze besteht allerdings kein Anlass. Dafür sind die Herausforderungen für den weiteren Verlauf der Energiewende einfach zu groß.

Krisenstäbe in den Schaltzentralen, Notstromreserven in nie gekannter Größe

Schon heute mussten die Stromnetzbetreiber zu ungewöhnlichen Maßnahmen greifen, um ein Fiasko zu verhindern: Mehr Mitarbeiter waren im Einsatz, Instandhaltungsarbeiten wurden unterbrochen, Notstromreserven in nie gekannter Größenordnung bestellt.

In ein paar Jahren, wenn Tausende weiterer Windkraft- und Solaranlagen ans Netz gegangen sind, darf das nicht der Alltag sein. Der Ausnahme- als Normalzustand? Damit wäre das Risiko für eine sichere Stromversorgung zu groß.

Deshalb muss das Stromsystem noch viel konsequenter als bisher nach den Bedürfnissen der erneuerbaren Energien umgebaut werden. Sie sind nicht mehr im Stromnetz zu Gast, sie sind schon seit einer Weile Herr im Haus. Und ihre Bedeutung wird weiter steigen.

Nicht nur, dass Sonnen- und Windstrom aus politischen und ökologischen Gründen immer wichtiger werden. Diese Stromquellen sind zunehmend auch aus betriebswirtschaftlichen Gründen gefragt - ohne Subventionen. Schon jetzt lohnen sich Solaranlagen für Hausbesitzer und Unternehmen ohne staatliche Zuschüsse. Firmen stellen sich mitunter Windräder aufs Gelände, um ihre Stromkosten zu drücken.

Viele dezentrale Stromerzeuger - das Rückgrat des Netzes muss gestärkt werden

Es wäre absurd, diesen weithin gewünschten Trend mit dem Verweis auf ein veraltetes Stromnetz abzuwürgen. Deshalb muss die Bundesregierung alles daran setzen, dieses Rückgrat intelligent zu stärken.

Dabei schlägt Klasse Masse. Netzbetreiber dürfen die Gebühren der Stromverbraucher nicht für unnötige Megaprojekte verschwenden, die letztlich vor allem ihnen selbst nützen, in Form einer üppigen Rendite.

Ob gigantische Leitungen von Nord- nach Süddeutschland in der geplanten Dimension erforderlich sind, sei dem Streit der Fachleute überlassen. Klar ist aber, dass auf der lokalen Ebene mehr passieren muss.

Es mutet wie ein schlechter Scherz an, dass die Netzbetreiber zum Teil gar nicht wissen, wie viel Solarstrom in bestimmten Gebieten gerade eingespeist wird. Bessere Informationstechnologie und gut gemanagte dezentrale Speicher können in Zukunft manchen Ärger verhindern.

Die nächste Sonnenfinsternis lässt sich jedenfalls nicht verschieben: Sie wird für den August 2026 erwartet. Dann heißt es hoffentlich nicht "Energiewende-Sonnenfinsternis 1:1".

"Sofi-Stresstest bestanden": Lesen Sie hier unseren Live-Bericht aus der Schaltzentrale des Netzbetreibers Tennet

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