Samstag, 27. August 2016

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Verbund-Chef Anzengruber "Alarmierende Situation am Strommarkt"

Bundeskanzlerin Angela Merkel: Sie hat vor einiger Zeit der Strombörse in Leipzig besucht. Dort werden Stromkontrakte gehandelt - und sind billigere als der Strom, für den die Privathaushalte zahlen müssen. Kein Wunder, denn die Börse kalkuliert nur die Stromherstellung und -lieferung ein, nicht aber die politischen Kosten wie die Förderung Erneuerbaren Energien

Alarmierend sei die Situation am europäischen Strommarkt, sagt mit Wolfgang Anzengruber der Vorstand des größten Stromproduzenten Österreichs. Eine Zeit der "radikalen Veränderung", wie er sagt.

mm: Kann eine Energiewende, wie Deutschland sie derzeit versucht, eigentlich ohne "Kollateralschaden" stattfinden - wie zum Beispiel steigender Energiepreise für die Endkunden?

Anzengruber: Die Situation am europäischen Strommarkt ist alarmierend: Die Energiewende, also das Hin zu mehr erneuerbaren Energien ist absolut zu begrüßen. Aber Überregulierungen und ausufernde Fördersysteme für Strom aus erneuerbaren Energien wie Wind- und Solarenergie führen zu massiven Verwerfungen auf dem europäischen Strommarkt. Kraftwerksbetreiber sind aufgrund des wirtschaftlichen Umfelds gezwungen, nicht geförderte, aber für eine sichere Versorgung nötige Kraftwerkskapazitäten, zu schließen oder einzumotten. Für die Haushalte wiederum steigen die Kosten, und die Akzeptanz der Konsumenten, für die Energiewende zu bezahlen, sinkt.

mm: Sie betreiben "zertifizierte" Kraftwerke - wie muss man sich das Zertifizieren vorstellen?

Anzengruber: VERBUND ist Vorreiter bei der Transparenz der Stromherkunft und lässt seine über 100 Wasserkraftwerke seit mehr als einem Jahrzehnt vom TÜV Süd zertifizieren. TÜV SÜD ist eine der anerkanntesten europäischen Prüfinstanzen. Das Unternehmen kontrolliert VERBUND jedes Jahr in einem mehrtägigen Audit.

Immer mehr Kunden ist es wichtig, zu wissen, woher ihr Strom stammt. Mit den H2Ö-Produkten von VERBUND können Haushaltskunden sicher sein, dass sie Strom aus 100 Prozent Wasserkraft verwenden und damit einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz leisten.

mm: Profitieren Sie an der Börse von den Problemen der Eons und RWEs als Anbieter konventioneller Energie?

Anzengruber: Der Strommarkt ist europäisch, der Strom fließt - der Physik folgend - über die innereuropäischen Netze. Österreich und Deutschland sind darüber hinaus durch dieselbe Preiszone verbunden. Die Verwerfungen am europäischen Stromsektor wirken sich somit auf die gesamte Branche aus, wir alle sind von Übersubventionierungen am Markt und daraus resultierenden sinkenden Großhandelspreisen betroffen. Ich bin der festen Überzeugung, dass wir die Herausforderungen der Energiewende auch nur gemeinsam werden meistern können.

Radikale Veränderungen

mm: Über Strombörsen wird Strom ja "anonym" gehandelt, also ohne Kenntnis von dessen Herstellung. Es kann also rechnerisch auch Atomstrom dabei sein. Wird diese Crux irgendwann einmal gelöst werden, zum Beispiel durch Abschaltung aller AKW in Europa? Oder ist das eine Utopie?

Anzengruber: Der europäische Strommix (ENTSO), spiegelt das Abbild aller Erzeugungsarten in Europa. Erst wenn ganz Europa aus der Atomkraft aussteigt, kann kein Atomstrom mehr im Mix enthalten sein. Die VERBUND Stromerzeugung basiert heute schon zu über 90 Prozent auf erneuerbaren Energien. Alle VERBUND-Privatkunden bezahlen für nachweisbar 100 Prozent zertifizierten Wasserkraftstrom "mit Stammbaum", also Strom aus eigener Erzeugung mit Herkunftsnachweisen, und fördern damit erneuerbare Energien.

mm: Wenn Sie einmal fünfzehn Jahre in die Zukunft blicken - wie wird der europäische Strommarkt aussehen?

Anzengruber: Der Energiemarkt befindet sich in einer Zeit der radikalen Veränderungen. In den nächsten Jahren sehe ich die Ko-Existenz von zentralen und dezentralen Erzeugungseinheiten, der Verbraucher wird immer mehr zum Prosumer, der auch Energie erzeugt und ins Netz einspeist. Mit attraktiven Automodellen und einer flächendeckenden Versorgung mit Ladestationen wird sich auch die Elektromobilität immer stärker durchsetzen. Energieversorger wie VERBUND werden nicht nur Strom anbieten, sondern energienahe Dienstleistungen und innovative Lösungen für Haushalts- und Businesskunden. Wichtigstes Ziel bleibt die Reduktion der CO2-Emissionen - bei einer gleichzeitig sicheren und leistbaren Energieversorgung.

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