Freitag, 2. Dezember 2016

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Übernahmekampf um Dresser-Rand Siemens-Chef Kaeser will mit Milliardengebot alten Rivalen Löscher ausstechen

Wer gibt dieses Mal die Richtung vor: Joe Kaeser (links), damals noch Finanzvorstand, und Peter Löscher, zu derselben Zeit Siemens-Chef, vor der Hauptversammlung des Konzerns am 23. Januar 2013 in München. Wenige Monate später verlor Löscher seinen Job und Kaeser rückte an seine Stelle.
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Wer gibt dieses Mal die Richtung vor: Joe Kaeser (links), damals noch Finanzvorstand, und Peter Löscher, zu derselben Zeit Siemens-Chef, vor der Hauptversammlung des Konzerns am 23. Januar 2013 in München. Wenige Monate später verlor Löscher seinen Job und Kaeser rückte an seine Stelle.

Für den US-Kompressorenhersteller Dresser-Rand zeichnet sich ein milliardenschweres Bietergefecht zwischen Siemens und dem Schweizer Sulzer-Konzern ab. Die Münchner wollen mehr als 6 Milliarden Dollar bieten. Damit treffen die alten Rivalen Joe Kaeser und Peter Löscher wieder aufeinander.

Zwischen dem früheren Siemens-Chef Peter Löscher, inzwischen Verwaltungsratspräsident des Schweizer Sulzer-Konzerns, und seinem Nachfolger an der Siemens-Spitze, Joe Kaeser, bahnt sich ein milliardenschweres Bieterduell um den Kompressorenhersteller Dresser-Rand an: Beide Top-Manager entsenden derzeit regelmäßig ihre Verhandlungstrupps nach Paris. Dort ist der Verwaltungssitz des US-Konzerns und auch das Büro von Vorstandschef Vincent Volpe; die Hauptproduktionsstätte Dresser-Rands liegt in Texas. Sulzer wie Siemens wollen mit dem Kauf des Zulieferers für die Öl- und Gasindustrie vom US-Boom bei der Förderung von unkonventionellem Öl und Gas (Fracking) profitieren.

Sulzer hatte am Mittwochabend Kaufgespräche mit Dresser-Rand bestätigt. Nach Informationen von manager-magazin.de sind allerdings auch die Vorbereitungen von Siemens, Dresser-Rand zu übernehmen, sehr weit gediehen. Danach will Siemens mehr als 80 Dollar je Aktie für den texanischen Kompressorenhersteller bieten. Insgesamt würde der Deal die Münchener damit mehr als 6,1 Milliarden Dollar kosten, umgerechnet mehr als 4,7 Milliarden Euro. Es sei wahrscheinlich, dass Siemens seine konkrete Offerte in den nächsten Wochen vorlege, heißt es in Verhandlungskreisen.

Ein Siemens-Sprecher lehnte einen Kommentar ab.

Das Siemens-Gebot entspräche im Vergleich zum Dresser-Schlusskurs vom Dienstag einem Aufschlag von mehr als 18 Prozent. Gegenüber dem Kurs am 16. Juli - dem Tag, bevor Manager Magazin erstmals über Siemens' Vorbereitungen eines Dresser-Gebots berichtet hatte - bedeuteten die über 80 Dollar eine Prämie von mehr als einem Drittel.

Trotz des satten Aufschlags ist der Ausgang des Bietergefechts ungewiss. Anders als der Münchener Industriemulti will der sehr viel kleinere Sulzer-Konzern (Umsatz 2013: 3,3 Milliarden Schweizer Franken) mit Dresser-Rand (Umsatz 2013: 3 Milliarden Dollar) fusionieren und plant dies Insidern zufolge im Wege eines Aktientauschs. Eine solche Lösung würde sich besser mit dem Selbstbewusstein des Dresser-Rand-Chef Vincent Volpe vertragen - und daher eher möglicherweise eher dessen Zustimmung finden.

Offiziell teilte Sulzer nur mit: "Sulzer hat bestätigt, dass sich das Unternehmen in nicht-exklusiven Gesprächen mit Dresser-Rand über eine mögliche Transaktion befindet. Es kann nicht garantiert werden, dass die Gespräche zu einer Transaktion führen." Sulzers größter Aktionär ist mit einem Drittel der Anteile der russische Oligarch Wiktor Wexelberg.

Die Börse feierte Sulzers Fusionspläne in den vergangenen Tagen, Analysten sprachen von einer "perfekten Ehe". Mit einer entsprechend hohen Barofferte könnte Siemens die Dresser-Rand-Aktionäre aber möglicherweise dennoch locken. In Kreisen amerikanischer Investoren gilt als ausgemacht, dass Dresser-Rands Aktionäre mit Blackrock und Janus Capital (beide jeweils knapp elf Prozent) an der Spitze ab einem Angebotspreis von 80 Dollar prinzipiell verkaufsbereit wären.

Europas größter Industriekonzern (Umsatz 2013: 75,9 Milliarden Euro) hatte schon 2012 - damals noch unter Führung von Peter Löscher - versucht, Dresser-Rand zu übernehmen. Damals hatte Dresser-Rand-Chef Volpe noch abgelehnt und seine Aktionäre mit optimistischen Wachstums- und Gewinnprognosen geködert. Diese wurden jedoch mehrfach verfehlt, was an Volpes Glaubwürdigkeit kratzt. Angesichts des enormen Interesses von Siemens, Sulzer und womöglich auch noch anderen möglichen Käufern habe Volpe nun kaum mehr eine andere Wahl, als eines der Angebote zu akzeptieren, so ein Insider.

Ein Kauf von Dresser-Rand wäre für Siemens die größte Akquisition seit dem missglückten Kauf der US-Diagnostikfirma Dade Behring vor sieben Jahren. Siemens-Chef Joe Kaeser will das Geschäft mit der boomenden Öl- und Gasindustrie ausbauen und hat dafür kürzlich bereits für fast eine Milliarde Euro die Gasturbinensparte des britischen Flugzeugtriebwerksherstellers Rolls-Royce erwoben. Dresser-Rand wäre ein weiterer großer - wenn auch teurer - Schritt, um Siemens' Produktangebot zu komplettieren.

Dass Kaesers Vorgänger Löscher in neuer Position den Preis für seinen früheren Arbeitgeber nach oben treibt, stößt manchem bei Siemens bitter auf. Von seinen 30 Millionen Euro Abfindung von Siemens erhielt Löscher fast die Hälfte als Ausgleich dafür, dass er bis Mitte 2015 nicht zu einem Wettbewerber wechselt. Mit Sulzers Avancen für Dresser-Rand wird diese Vereinbarung nun ad absurdum geführt. Allerdings hatte es Siemens-Chefkontrolleur Gerhard Cromme übersehen, seinem früheren Zögling den Sulzer-Konzern auf die Ausschlussliste zu setzen.

Löscher hatte von Cromme und Kaeser zudem die Zusage bekommen, sein Amt als Präsident der Siemens-Stiftung behalten zu dürfen.Vor zwei Wochen legte Löscher den Posten überraschend nieder und begründete dies mit seiner starken beruflichen Beanspruchung. So mancher bei Siemens ahnte spätestens da, dass etwas im Busch ist.

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