Samstag, 16. Dezember 2017

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Job-Kahlschlag in Ostdeutschland Siemens versteht die Energiewelt nicht mehr

Produktion im Siemens-Werk Görlitz

Über der Lausitz braut sich derzeit ein perfekter Sturm zusammen. Die Braunkohle steht früher oder später vor dem Aus. Das traditionsreiche Bombardier-Waggonwerk in Görlitz wackelt. Und nun will Siemens-Chef Joe Kaeser tatsächlich auch die Dampfturbinen-Fabrik dort dichtmachen. Dem Landstrich ganz im Osten Deutschlands, in dem schon jetzt Wut und Rechtpopulismus dominieren, droht der industrielle Absturz.

Am Beispiel Siemens Börsen-Chart zeigen zeigt sich besonders drastisch: Das Wohl einer Region hängt mitunter extrem von weltweiten Wirtschafts-Umbrüchen, aber auch strategischen (Fehl-) Entscheidungen in den Konzernzentralen ab. Da mögen die Mitarbeiter noch so gut entwickeln, montieren oder verkaufen. Am Ende geht die Rechnung nicht mehr auf, zumindest nicht mehr gut genug für die Aktionäre. Dann ist Schluss.

Für die 720 Siemensianer in Görlitz kommen mehrere Dinge auf einmal zusammen. Da ist zunächst der beinharte Preiskampf um das Kernprodukt des örtlichen Werks, kleine bis mittelgroße Industrie-Dampfturbinen. Diese Maschinen made in Sachsen erzeugen Prozessdampf, beispielsweise in Zucker,- Chemie und Papierfabriken. Mangelnde Nachfrage nach diesen Geräten ist nicht das Problem - sie brummt angesichts einer boomenden Konjunktur sogar.

Hohe Nachfrage nach Industrie-Dampfturbinen - doch diese sind (zu) teuer

Doch die Billig-Konkurrenz aus Osteuropa und China ist im Kommen, um ein Drittel günstiger soll sie produzieren. Und so sieht Siemens keine andere Möglichkeit, als die Jobs nach Mülheim an der Ruhr zu verlegen. Der Konzern will das dortige Werk besser auslasten und so insgesamt die Rendite steigern. Pech für Görlitz, Glück im Unglück für Mülheim.

Dort ist Siemens' eigentliches, deutlich größeres Problem zu besichtigen. Der wichtige Standort in Nordrhein-Westfalen leidet unter der extremen Flaute im Geschäft mit großen Dampfturbinen für Kraftwerke. Auch an der Ruhr fallen deshalb 640 Stellen weg.

Kaum jemand baut noch Großkraftwerke

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Weltweit werden weit weniger Großkraftwerke gebaut als noch vor wenigen Jahren angenommen: In Europa lassen Energieversorger angesichts niedriger Börsenstrompreise lieber alte Meiler weiterlaufen. In den USA hat Präsident Donald Trumps Pro-Kohle-Politik die Lage noch verworrener gemacht, als sie ohnehin schon ist. In China und Indien werfen Regierungen ihre ehemals bombastischen Neubaupläne für Großkraftwerke auch angesichts massiver Umweltprobleme über den Haufen.

So unterschiedlich und schwer vorhersehbar die Entwicklung auf all diesen Märkten jedoch auch sein mag - einen verbindenden Faktor gibt es, und diesen hat auch Siemens massiv unterschätzt: In den vergangenen Jahren sind die Kosten für erneuerbare Energien extrem gesunken, vor allem für die Solarenergie.

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