Samstag, 24. Februar 2018

Job-Kahlschlag in Ostdeutschland Siemens versteht die Energiewelt nicht mehr

Produktion im Siemens-Werk Görlitz

2. Teil: Solarschock erwischt Kaeser auf dem falschen Fuß

Um etwa 70 Prozent billiger sind Sonnenkraftwerke seit 2009 laut Angaben der Nachrichtenagentur Bloomberg geworden. In Mexiko erzeugen Solaranlagen demnächst Elektrizität für unter zwei US-Cent pro Kilowattstunde. Da können konventionelle Kraftwerke nicht mehr mithalten. Und so ist die Photovoltaik inzwischen zur am stärksten wachsenden Stromquelle überhaupt geworden.

Zwar lassen sich Kohle- oder Gaskraftwerke nicht ohne Weiteres durch Solaranlagen ersetzen. Letztere erzeugen bekanntlich nur tagsüber Strom.

Die Entwicklung sendet dennoch Schockwellen in die gesamte Industrie. Es reicht schon, dass die Fachwelt verunsichert ist, wie das Energiesystem der Zukunft aussehen wird. Nicht nur Siemens versteht die Energiewelt nicht mehr.

Unklar ist beispielsweise, wie schnell auch Batterie- und andere Speicher billiger werden. Angesichts solcher offenen Fragen nimmt kaum jemand mehr gern Milliarden für Großkraftwerke in die Hand, die über viele Jahrzehnte ihr Geld verdienen müssen.

Krise der Kohlekraftwerke trifft auch Siemens

Besonders ärgerlich für Siemens: Der Konzern stützt sein Turbinengeschäft keineswegs nur auf effiziente und vergleichsweise saubere Gaskraftwerke, wie der Konzern gern suggeriert. Diese ergänzen eine schwankende Stromproduktion aus erneuerbaren Energien theoretisch recht passabel.

Tatsächlich sind Kohle- und Atomkraftwerke für Siemens ebenfalls immer noch wichtig - in ihnen kommen große Dampfturbinen wie aus Mülheim zum Einsatz. Halbwegs wirtschaftlich sind solche Anlagen allerdings nur zu betreiben, wenn sie möglichst rund um die Uhr Strom produzieren. In einer Welt, in der erneuerbare Energien zunehmend dominieren, ist das eine wenig realistische Perspektive.

"Bei den großen Dampfturbinen zeigt sich der generelle Rückgang des Marktniveaus für fossile Energieerzeugung noch weit drastischer als bei den großen Gasturbinen", teilte ein Siemens-Sprecher manager-magazin.de mit. Im abgelaufenen Geschäftsjahr sei der Markt für große Dampfturbinen um mehr als 60 Prozent eingebrochen, vor allem aufgrund von weniger Bestellungen aus China und Indien. "Durch ein wachsendes Umweltbewusstsein in der Bevölkerung und einer daraus resultierenden Energiepolitik der Regierungen werden neu benötigte Kapazitäten nun verstärkt aus emissionsärmeren und erneuerbaren Energiequellen bedient."

Newsletter von Nils-Viktor Sorge

Auch deshalb kann es Kaeser mit dem Umbau der Energiesparte gar nicht schnell genug gehen. Die Probleme beim Konkurrenten GE liefern ihm Argumente für einen dramatischen Umbau.

Die Siemensianer in Görlitz und Mülheim baden auch aus, dass Siemens zu lange fest an die alte Energiewelt mit großen Kraftwerken geglaubt hat. Lange drängten sie auf tragfähige Lösungen für eine sich wandelnde Energiewelt. Dass diese extrem schwer zu finden sind, zeigen das wenig erfolgreiche Engagements von Siemens im Solarbereich sowie die Mühen im Windbereich.

Chef Kaeser selbst machte noch vor zwei Jahren in den USA Witze über Solarenergie und die deutsche Energiewende. Die Musik spiele in der Öl- und Gasindustrie. Doch auch diese schwächelt inzwischen, weshalb Mitarbeiter gehen müssen. Das Lachen wird inzwischen wohl nicht nur den Menschen in der Lausitz, sondern auch Kaeser selbst vergangen sein.

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