Samstag, 21. Oktober 2017

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Großes Werk, große Politik, große Unsicherheit Siemens' wackelige Großinvestition in Deutschland

Die Stahlstützen für die Produktionshalle der neuen Offshore-Fabrik in Cuxhaven mit einer Nutzfläche von 56.000 Quadratmetern.

Als "klares Bekenntnis zum Standort Deutschland" feiert Siemens sein neues Offshore-Turbinenwerk an der Nordseeküste. Doch bevor es überhaupt fertig ist, hat sich in der Politik der Wind gedreht. Die 200-Millionen-Euro-Investition droht zur Luftnummer zu werden.

Ulrich Getsch hat sichtlich gute Laune. Gerade hat er vier Weltmeister im Segeln ausgezeichnet, jetzt darf er dabei sein, wie ein gewaltiger roter Kran die mannshohe Richtkrone auf eine 30 Meter hohe weiße Stahlkonstruktion hievt, die vom Sommer an den dann größten Arbeitgeber seiner Stadt beherbergen soll: das neue Offshore-Turbinenwerk von Siemens Börsen-Chart zeigen. "Die Jungs hier vor Ort verstehen einfach was von Wind", sagt der der Oberbürgermeister von Cuxhaven in breitem Norddeutsch. "Das isso."

Getschs Stolz ist verständlich. Für die strukturschwache Region ist die Windradfabrik wie ein Sechser im Lotto - mit Superzahl. 1000 neue Arbeitsplätze sollen hier in den kommenden Jahren entstehen, die Zulieferer noch nicht mitgezählt. Der OB rechnet mit einer Erhöhung der Kaufkraft von 20 bis 30 Millionen Euro, die Nachfrage nach Gewerbeflächen steigt, gerade erst hat die Landesregierung in Hannover den weiteren Ausbau des Tiefwasserhafens von Cuxhaven in Aussicht gestellt. "Sie werden sehen: Schwupp-die-Maus läuft der Hafen voll", jubelt Getsch.

Siemens hat in den vergangenen Monaten einen gewaltigen Aufwand betrieben, um den 300 Meter langen Rohbau an der niedersächsischen Nordseeküste unweit der Elbmündung aus dem Schlick zu stampfen. 55.000 Kubikmeter Erde wurden bewegt, 24.000 Kubikmeter Stahlbeton und 200 Millionen Euro werden am Ende verbaut sein. Mitte 2017 soll die Produktion anlaufen. Für den Münchner Konzern ist das Werk der erste Neubau eines Fertigungsstandorts in Deutschland seit mehr als 20 Jahren, entsprechend groß ist die politische Bedeutung. "Es ist etwas Großes, etwas Wichtiges, was hier passiert", sagt Markus Tacke, Chef der Siemens-Windenergiesparte. Konzernchef Joe Kaeser spricht von einem "klaren Bekenntnis zum Standort Deutschland."

Ein Bekenntnis, das Siemens noch teuer zu stehen kommen könnte.

Windparks auf hoher See sind das Rückgrat der deutschen Energiewende, ohne sie ist ein völliger Verzicht auf Atom- und Kohlestrom kaum vorstellbar. Zum einen sind die Riesenräder im Meer erheblich leistungsfähiger als ihre kleineren Verwandten an Land. Zum anderen weht der Wind über Nord- und Ostsee deutlich stärker und zuverlässiger als diesseits der Küste. Schon heute produzieren die deutschen Offshore-Anlagen unter Volllast so viel Strom wie zwei Atomkraftwerke, doch um die Energiewende zum Erfolg zu führen, reicht das noch lange nicht.

Siemens ist Weltmarktführer bei Offshore-Windrädern, bisher werden sie in der dänischen Stadt Brande gebaut. Als die Konzernführung entschied, die Produktionskapazität zu erweitern und zwei neue, effizientere Werke zu bauen, war das Interesse seitens der Bundesregierung groß, dass zumindest eine dieser Fabriken in Deutschland entsteht - als Beleg, dass die Energiewende nicht nur den Strom verteuert, sondern auch Technologie und Arbeitsplätze bringt. Ebenso groß war die Begeisterung, als Siemens die Entscheidung für Cuxhaven bekanntgab.

Deutschlands größter Industriekonzern bringt die Energiewende voran - das Skript für die gewünschte Erfolgsgeschichte war geschrieben. Doch kaum war der Grundstein für das Vorzeigeprojekt gelegt, war es die Regierung, die sich nicht mehr an den Masterplan hielt.

Ende Mai 2016 beschloss das Bundeskabinett, das Erneuerbare Energien-Gesetz (EEG) zu ändern und den Ausbau der Offshore-Windkraft zu drosseln. In den Jahren 2021 und 2022 dürfen jeweils nur 500 Megawatt zusätzliche Leistung installiert werden - was in etwa einem großen Windpark pro Jahr entspricht. Bereits 2014 hatte die Große Koalition in Berlin die Ausbauziele um 40 Prozent beschnitten, nun wurden zusätzlich noch die Ausschreibungsbedingungen verschärft. Den Zuschlag für einen neuen Windpark soll künftig der Anbieter erhalten, der mit der geringsten Fördersumme auskommt. Was nicht gerade einen Hersteller stärkt, der im Hochlohnland Deutschland produziert.

Lesen Sie dazu auch den aktuellen mm-Report:

Tod im Windpark - Der brutale Wettkampf zwischen Großkonzernen und kleinen Anbietern wie Enercon, Senvion und Nordex

Wie fühlt es sich an, wenn einem der Stuhl just in dem Moment weggezogen wird, in dem man im Begriff ist, sich zu setzen? Markus Tacke windet sich. Der Siemens-Manager steht im dunkelblauen Anzug und blütenweißem Hemd im Nieselregen vor der Baustelle, auf der sich gelbe, blaue, rote und grüne Kräne drehen, als wollten sie ein bisschen Farbe in das Wolkengrau bringen. "Die Entscheidung für Cuxhaven ist und bleibt richtig", sagt er schließlich mit leichtem Trotz in der Stimme. "Aber mit diesem Rückzug auf Raten ist schwer umzugehen. Mit der Zurückhaltung bei der Offshore-Windkraft vergibt Deutschland eine große Chance."

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