Dienstag, 27. Juni 2017

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Ölkonzern der Saudis weit weniger wert als gedacht Die Scheichs sind nackt

Mohammed bin Salman bin Abdelasis al-Saud, Kronprinz von Saudi-Arabien

Saudi-Arabiens Herrscher wollen den Ölgiganten Saudi Aramco in Teilen an die Börse bringen. Doch dem Land droht ein Fiasko - denn der Konzern ist offenbar viel weniger wert als die Scheichs der Welt Glauben machen wollen.

Zwei Billionen, zweieinhalb Billionen Dollar - in dieses Sphären bewegten sich die optimistischen Schätzungen im Königreich noch vor einem knappen Jahr. Schon damals wurden allerdings Zweifel laut, ob das Unternehmen wirklich fünfmal so viel auf die Waage bringt wie Apple Börsen-Chart zeigen oder siebenmal so viel der US-Ölriese Exxon Mobil Börsen-Chart zeigen.

Doch nun reift offenbar auch in Saudi-Arabien selbst die Erkenntnis, dass die Börsengang-Verfechter den Mund zu voll genommen haben. Internen Schätzungen zufolge sei das Unternehmen "nur" um die 500 Milliarden Dollar wert, berichtet das "Wall Street Journal" (WSJ).

Erst nachdem die Regierung im März die Steuern für Aramco von 85 auf 50 Prozent gesenkt hat, sah die Rechnung wieder besser aus. Mit gutem Willen kommen die saudischen Manager jetzt auf 1,3 bis 1,5 Billionen Dollar. Doch die mit dem Schritt verbundenen Steuerausfälle belasten den ohnehin stark defizitären Staatshaushalt des Landes. Kurzfristig könnte nur ein stark steigender Ölpreis die Misere lindern - doch der ist nicht in Sicht.

Der Image-Schaden scheint ohnehin irreparabel. Denn das überraschende Börsen-Manöver hat in der Weltöffentlichkeit bisher vor allem den Eindruck hinterlassen, dass Saudi-Arabien gar nicht eine derart mächtige Ölnation ist wie stets proklamiert. Die Scheichs sind nackt.

Zugleich wirft der Vorfall das Land in dem Bemühen zurück, seine Wirtschaft auf eine neue Grundlage zu stellen. Denn mit hohen Erlösen aus dem Börsengang sollten neue, zukunftsträchtige Wirtschaftszweige wie erneuerbare Energien gefördert werden - so hatte es Vize-Kronprinz Mohammed bin Salman vorgesehen.

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Zuletzt hatten laut WSJ westliche Unternehmensberater gemeinsam mit einem Aramco-Team zahlreiche Umstrukturierungen des Ölgiganten erwogen, um dessen Wert zu steigern. Doch auch der weiterhin niedrige Ölpreis machte den IPO-Strategen einen Strich durch die Rechnung. Zudem sehen Investoren staatlich dominierte Firmen wie Aramco häufig besonders kritisch - da die Mehrheitseigner mitunter politisch motivierte, schwer kalkulierbare Entscheidungen treffen.

Generell weist Saudi Aramco aber viele Vorteile gegenüber anderen Ölmultis auf: Die Reserven übersteigen die der privatwirtschaftlichen Konkurrenz um ein Vielfaches. Zudem erfreuen sich die Araber extrem niedriger Förderkosten. Aramco produziert gut ein Zehntel der weltweiten Fördermenge - und damit mehr als doppelt so viel wie Exxon.

Trotz der negativen Neuigkeiten soll der Börsengang laut Insidern nicht in Gefahr sein. Höchstens werde er verkleinert oder verzögert. Bei einer Absage wäre der Gesichtsverlust dann wohl endgültig zu groß.

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