Sonntag, 22. Juli 2018

Am Ende des Tages Breaking News: Schon wieder Strategiewechsel bei Eon/RWE!

Neue Strategie gesucht: Die Konzerne RWE und Eon

Gerade erst haben Eon und RWE, unsere beiden liebsten Energiefirmen, die Branche in staunende Verzweiflung gestürzt. Das Unternehmen Innogy, erst vor zwei Jahren mit Aplomb an die Börse gebracht, wird zwischen den beiden aufgeteilt. Zudem verbinden sich die beiden Erzfeinde gesellschaftsrechtlich. Was bis vor kurzem so wahrscheinlich war wie eine Fusion von Schalke 04 mit dem BVB, Amnesty International mit Heckler & Koch, Bayer mit BASF oder BCG mit McKinsey. Obwohl...

Wie auch immer: Eon verlegt sich künftig im Wesentlichen auf das Herauspressen von Profiten aus den staatlich regulierten Netzen, und der Braunkohlefetischist RWE produziert grüne Kilowatt. Alles super fokussiert, alles lässt sich prima begründen, wie zuvor das genaue Gegenteil. Sie sind halt im Genre des Wechselstroms tätig, der seine Richtung bekanntlich regelmäßig ändert.

Nun wurde uns das geheime Protokoll einer Steering-Committee-Sitzung zugespielt. Wir drucken die zentralen Passagen, zum Wohle der Transparenz und des Stromvaterlandes.

"Schöne Scheiße", poltert der Mann aus dem Rechnungswesen mit der ihm eigenen Wortgewalt. "Wir können uns vor Gewinnen aus dem Netzgeschäft kaum noch retten, der Cash strömt nur so in unsere Bilanzen". Sein Blick vermittelt Zeter und Mordio: "Was sollen wir nur tun?"

"Wir könnten eigene Aktien zurückkaufen", schlägt der Finanzer vor.

"Blöde Idee", murmelt die Runde.

"Das sieht nach Passivität aus, so, als würde uns gar nichts mehr einfallen", sagt Mr. Rechnungswesen. Er hat sich ein wenig gefangen. "Dafür gibt's beim Ringen eine Verwarnung." (Gelächter)

"Wir könnten überlegen, etwas - na ja - Sinnvolles mit dem Geld anzustellen", rät der Chefkonzernplaner, ein Jungspund, der seine Gedankenschnelligkeit stets wie eine Monstranz durch die Flure trägt. "Ich habe schon mal - vorab - mit Investmentbankern gesprochen..."

"Hört, hört", raunt die Runde.

"Bevor wir selbst einen Vorschlag machen, sollten wir die auf jeden Fall anhören, dann können wir im Zweifel alles auf die schieben", schlägt die Investor-Relations-Koryphäe vor, immer noch besoffen vor Stolz aufgrund der Teilnahme an der jüngsten Roadshow in New York.

Der Chefkonzernplaner telefoniert, hinter vorgehaltener Hand. Wortfetzen ("Ja, jetzt sofort!") dringen durch die Finger. "Kommt gleich, der Kollege", sagt er schließlich und legt auf.

Es werden Käsehappen mit Gurke und Radieschen herum gereicht. Dann betritt der Delegierte der Investmentbank Silverman Schmatz den Raum, noch ein wenig außer Atem. Er hätte da etwas vorbereitet. Kramt in seinem Dokumentenkoffer, holt versehentlich den Ordner mit der Aufschrift "F" heraus, tauscht ihn schnell gegen den mit der Signatur "D".

"Fokussiert war gestern", beginnt er seinen Vortrag. "Diversifizierung ist das neue Leitbild".

"Wie bitte???" Die Runde sucht angestrengt nach weiteren Fragezeichen (Hier sind sie: ???).

"Man darf nicht alle Eier in einen Korb legen," palavert Silverman Schmatz unbeirrt weiter. "Deshalb empfehlen wir, ein Chemieunternehmen zu kaufen, ein Handelshaus und - ganz wichtig, weil antizyklisch - einen Steinkohleförderer".

Vielen Teilnehmern steht der Mund offen. "Hatten wir doch schon alles", meldet sich der Firmenchronist vom Katzentisch.

"Man muss seine Strategie in der schnelllebigen Wirtschaftswelt ständig anpassen, feinschleifen, justieren", schlaumeiert Silverman Schmatz. "Sonst hat man keine Chance im weltweiten Wettbewerb. Ich sage nur: Globalisierung, Digitalisierung."

Monetarisierung gehört natürlich auch dazu, lacht er still in sich hinein, vor allem, was mein eigenes Honorar betrifft. "Und", hebt er an, "diese neue Strategie schützt vor...", er macht eine längere Pause, "... Google."

Einige Teilnehmer bekreuzigen sich, andere suchen verzweifelt die Knoblauchknolle in ihrer Aktentasche.

"Sieht nach einem prima Konzept aus", sagt der Chefkonzernplaner schlussendlich, mit einem gefälligen Nicken in Richtung Silverman Schatz. "Und, was machen die Kollegen von RWE so?"

"Dazu kann ich offiziell nichts sagen, Chinese Walls, you know", lässt der Angesprochene listig wissen. "Aber, unter uns: Die setzen voll auf Diversifizierung, wollen sich beim Bauunternehmen Hochtief beteiligen, beim Maschinenhersteller Heideldruck..."

"Hatten die doch alles schon", sagt der Firmenchronist.

"... ein Telekommunikationsunternehmen wollen sie auch kaufen, möglichst mit Euch zusammen. Der Name ist irgendwas von Shakespeare...", sinniert Silverman Schatz. Das Kulturelle ist nicht gerade seine Stärke.

"Watt ihr Volt?", skandiert die Runde schenkelschlagend. Die meisten haben den Google-Schock offensichtlich überwunden.

"Ich glaube, Otelo heißt der Laden. Die Werbekampagne für die neue Strategie steht übrigens auch schon: RWE und seine vielen hübschen Töchter."

"Hatten die doch..." Der Firmenchronist verschluckt den Rest.

Die Wirtschaftsglosse im manager magazin
Jeden Freitag eröffnen Autoren aus der Print- und Onlineredaktion von manager magazin einen anderen Blickwinkel auf das Wirtschaftsgeschehen: Weniger kursrelevant, aber am Ende des Tages umso unterhaltsamer.

"Was uns angeht: Eon kann der neue, diversifizierte Multi nun wirklich nicht mehr heißen", mault das Marketing.

"Vorschläge bitte!", bellt der Chefkonzernplaner.

"Nennen wir es doch: Vereinigte Elektrizitäts- und Bergwerks AG".

"Hatten wir...", krächzt der Firmenchronist, bis ihm sein Sitznachbar den Mund zuhält.

"Etwas sperrig, und zu lang," urteilt die Runde.

"Na gut, dann vielleicht"..., es folgt eine längere Pause, "... Veba". Das Marketing strahlt vor Glück ob der epischen Eingebung.

"Allright, dann müssen wir uns nur noch über die Sprachregelung verständigen", sagt der Chefkonzernplaner. "Schlage vor: ... wir reagieren mit dieser neuen Aufstellung... blabla... auf die steigenden und berechtigten Ansprüche der Kunden und Investoren... blabla..., so etwas in der Art."

Beifälliges Gemurmel. Man scheidet mit der satten Zufriedenheit, einem genialen, diesmal wirklich in Stein gemeißelten Strategiestreich beigewohnt zu haben.

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