Samstag, 17. November 2018

Abrechnungs-Chaos in England Jetzt muss RWE sogar Strom verschenken

Ärger, wohin man sieht: RWE-Chef Peter Terium schlägt sich unter anderem mit "Prozess- und Systemproblemen bei der Privatkundenabrechnung" in Großbritannien herum

Erst hatte RWE Börsen-Chart zeigen in Großbritannien kein Glück. Dann kam auch noch Pech dazu. Aber der Reihe nach.

Der Energiekonzern kämpft nach Einbußen im Stromgeschäft und bei seiner britischen Tochter mit sinkenden Gewinnen. Das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) sei im ersten Halbjahr um 7 Prozent auf 3,186 Milliarden Euro geschrumpft, teilte der Konzern mit.

Analysten hatten im Schnitt mit einem Ebitda von 3,246 Milliarden Euro gerechnet. Ursache war vor allem der Preisverfall bei den Strom-Großhandelspreisen. Aber auch das Vertriebsgeschäft in Großbritannien läuft nicht rund. Dort erwartet RWE im Gesamtjahr ein Ergebnis deutlich unter dem Vorjahreswert anstatt einer leichten Verbesserung.

Der Gewinnschwund hat RWE auch an der Börse zu schaffen gemacht. Die Aktien des Versorgers brachen am Donnerstag um mehr als 5 Prozent ein und fielen auf den tiefsten Stand seit mehr als zwölf Jahren.

Anfälliges IT-System auf der Insel

Die Gewinnprognosen für den Gesamtkonzern behält RWE aber bei. Danach soll das Betriebsergebnis 2015 auf bis zu 3,6 Milliarden Euro nach vier Milliarden zurückgehen.

Das operative Ergebnis (Ebitda) in Großbritannien fiel in den ersten sechs Monaten um 52 Prozent auf 83 Millionen Euro. RWE kämpfe auf der Insel mit operativen und technischen Problemen, schrieb Vorstandschef Peter Terium an die Aktionäre. Die Probleme sind zum großen Teil hausgemacht: Das IT-System ist Insidern zufolge seit Jahren anfällig.

Im Halbjahresbericht verweist der Konzern auf "Prozess- und Systemprobleme bei der Privatkundenabrechnung". Zudem kämpft RWE mit einem Kundenschwund auf dem hart umkämpften Markt. Um den zu stoppen, bot der Konzern günstigere Tarife an, was die Einnahmen weiter drückte.

Viele britische RWE-Kunden haben nach einer Software-Umstellung 2013 verspätete oder gar keine Rechnungen erhalten. Die Regulierungsbehörde Ofgem hat RWE daraufhin damit gedroht, das Unternehmen müsse die Probleme bis August 2014 lösen oder dürfe keine neuen Kunden anwerben.

Allerdings geht RWE davon aus, den Fehler erst bis Ende 2016 zu beheben, wie der britische "Guardian" berichtet. Ofgem verdonnerte RWE demnach auch dazu, Kunden umsonst mit Energie zu versorgen, die im Unklaren über ihre Außenstände waren.

Strompreisverfall macht RWE immer stärker zu schaffen

Hauptproblem des Versorgers sind aber weiter die auf den tiefsten Stand seit Jahren gefallenen Strom-Großhandelspreise. Das Ergebnis der Atom-, Kohle- und Gaskraftwerke brach um 27 Prozent auf 752 Millionen Euro ein. Die jahrelang nicht in Schwung gekommene Ökostromsparte konnte hingegen ihr Ergebnis unter anderem dank der Inbetriebnahme neuer Windparks auf 382 Millionen Euro um mehr als drei Viertel verbessern.

Fortschritte machte RWE beim Schuldenabbau. Die Verbindlichkeiten gingen von Ende Dezember bis Ende Juni um 5,4 Milliarden auf 25,6 Milliarden Euro zurück. Dazu trug neben dem Erlös aus dem Dea-Verkauf auch eine Entspannung bei den Pensionsrückstellungen infolge der im zweiten Quartal wieder gestiegenen Zinsen bei.

RWE hat die Energiewende verschlafen und ist immer noch stark abhängig von Atom- und Kohlekraftwerken. Diese werfen wegen des Verfalls der Großhandelspreise aber immer weniger ab. In wenigen Jahren könnten sie gar nichts mehr verdienen. RWE-Chef Terium baut den Konzern deshalb von Grund auf um.

Die Krise der Branche macht auch dem Konkurrenten Eon zu schaffen. Bei den Düsseldorfer war der operative Gewinn im ersten Halbjahr um 13 Prozent auf 4,3 Milliarden Euro gefallen.

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nis/rtr/dpa

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