Sonntag, 24. Juli 2016

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"Es gab zu wenig Veränderungswillen" Terium steuert um - RWE bringt Ökostromtochter an die Börse

Vorweg gehen - oder auch mal hinterher: RWE eifert Eon nach. Zumindest grundsätzlich

Der zweitgrößte deutsche Energieversorger RWE stellt sich komplett neu auf - ähnlich wie sein Konkurrent Eon, und doch anders. Der RWE-Aufsichtsrat werde am 11. Dezember über die Aufteilung des Konzerns beraten, teilte der zweitgrößte deutsche Versorger mit. Die RWE Börsen-Chart zeigen-Aktie schoss nach dem Bekanntwerden der Berichte um 7 Prozent nach oben.

"Wir haben nichts kopiert, wir haben nichts abgeschaut", sagte RWE-Chef Peter Terium mit Blick auf die Aufspaltung des Düsseldorfer Konkurrenten. RWE gehe seinen eigenen Weg.

Und zwar so: Die Geschäftsfelder erneuerbare Energien, Netze und Vertrieb sollen im In- und Ausland in einer neuen Tochtergesellschaft gebündelt werden. 10 Prozent der neuen Gesellschaft sollen im Zusammenhang mit einer Kapitalerhöhung an der Börse platziert werden. Zeitgleich oder nachfolgend könnten weitere Anteile an der neuen Gesellschaft veräußert werden.

"Viele bei uns haben den Kopf in den Sand gesteckt"

"Vor drei Jahren war RWE eine Großbaustelle", sagte Terium. Atomausstieg, Fortschritt der erneuerbaren Energien, aber auch eigene Fehler hätten die Lage des Unternehmens seither massiv verschlechtert.

RWE selbst habe fälschlicherweise viel zu viel in den konventionellen Kraftwerkspark investiert. Ein großes Problem sei aber auch die "interne Haltung" zu den Herausforderungen am Markt. "Es gab zu wenig Veränderungswillen. Viele haben den Kopf in den Sand gesteckt und auf bessere Zeiten gehofft.", sagte Terium.

Die Neustrukturierung ist laut Terium keine echte Aufspaltung. So verändere sich das der RWE AG für die Erfüllung ihrer finanziellen Verpflichtungen zur Verfügung stehende Vermögen nicht, wie der Konzern mitteilte.

"Die Haftungsmasse bleibt unverändert", sagte Terium. Er deutete an, dass RWE seinen Verpflichtungen beim Rückbau der Atomkraftwerke in Zukunft nachkommen könnte, indem der Konzern nach und nach Aktien der abgespaltenen Firma verkauft.

Gleichzeitig machten Terium und Finanzvorstand Bernhard Günther deutlich, dass die neue Ökostromgesellschaft unbelastet vom Atomrückbau auftreten kann. "Wir machen ein zweites Tor am Finanzmarkt auf", sagte Terium. Mit anderen Worten: Wer der Ökostrom-Gesellschaft Geld gibt, muss nicht fürchten, dass es für den Rückbau der Atomkraftwerke benötigt wird.

Bei Eon liegt der Fall anders: Der RWE-Konkurrent hatte vor knapp einem Jahr seine Aufspaltung in den Bereich konventionelle Energien, zu dem auch die Atomkraft gehört, und erneuerbare Energien beschlossen.

Doch später ruderte Eon-Chef Johannes Teyssen zurück: Das Atomgeschäft wird doch nicht in die Firma mit dem konventionellen Geschäft (Uniper) überführt. Es bleibt unter einem Dach mit Netzen, Vertrieb und erneuerbaren Energien. Die Bundesregierung hatte befürchtet, dass sich Eon aus der Verantwortung stehle, wenn der Konzern das Atomgeschäft in die neue Gesellschaft ausgliedere.

Die Versorger haben derzeit vor allem mit dem Preisverfall im Strom-Großhandel infolge des Ökostrom-Booms zu kämpfen. Ihre Kraftwerke erzeugen deshalb weniger Strom und verdienen deutlich weniger Geld.

RWE sieht die neue Ökostromtochter nun als Wachstumsplattform. Schwerpunkt soll die Windkraft bleiben. Aber auch in der Solarenergie werde RWE große Projekte angehen.

Hohe Gewinnbeiträge erwarten sich die Essener auch vom Vertriebsgeschäft. Dort liegt ein Schwerpunkt bei dezentralen Versorgungslösungen.

Auf dem Netzgeschäft ruhen ebenfalls große Hoffnungen. In den kommenden zwei Jahren will RWE drei Milliarden Euro in intelligente Leitungen investieren.

Die alte RWE soll sicherstellen, dass trotz eines hohen Anteils schwankender erneuerbarer Energie immer genug Strom da ist. Immer weniger werde es dabei um den Verkauf großer Strommengen gehen, ist Terium überzeugt.

Stattdessen würden Kraftwerke künftig zunehmend dafür bezahlt, dass sie als Back-up zur Verfügung stehen. Doch dafür gibt es noch keinen funktionierenden Markmechanismus in Deutschland. Deshalb ist die Politik gefragt.

Die Aufspaltung von RWE erhöht damit den Druck auf die Bundesregierung, diesen Kapazitätsmarkt zu schaffen - und zwar zu Konditionen, die RWE genug Gewinne ermöglichen, um die Atomkraftwerke zurück zu bauen.


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mit dpa

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