Freitag, 16. November 2018

Orkan Niklas legt Windräder lahm Der perfekte Sturm - doch niemand kann ihn ernten

Windräder im Sturm: Der Strom muss abgeregelt werden, dabei könnte er vielfach vor Ort verwendet werden

Eigentlich hätte Orkan Niklas so etwas wie der Ritterschlag für die deutsche Energiewende sein können: Windkraftanlagen speisten in den vergangenen Tagen zeitweise mit einer Kraft von etwa 30 Gigawatt Strom ein - so viel wie 30 Atomkraftwerke. Ein Beweis dafür, dass sich der jahrelange Ausbau der erneuerbaren Energien endlich auszahlt?

Nur zum Teil, denn das Stromsystem war damit leider ziemlich überfordert:

• Allein Netzbetreiber Tennet regelte am Montag Windkraftanlagen mit einer Leistung von 0,45 Gigawatt ab, am Dienstag waren es noch einmal 0,2 Gigawatt. Bezahlen müssen die Verbraucher den nicht produzierten Strom dennoch, obwohl ihn niemand ernten kann. Am Donnerstag legt Tennet die Rechnung vor

• Immer noch strömte so viel Windenergie in die Leitungen, dass Tennet stark ins Netz eingreifen musste. Dazu nutzte das Unternehmen teure Altkraftwerke in Süddeutschland und Österreich mit einer Leistung von 4,4 Gigawatt - mehr als noch am Montag erwartet, wie eine Tennet-Sprecherin gegenüber manager magazin sagte

• An der Börse drehte der Strompreis zeitweise in den negativen Bereich.

Es ist bizarr: Kaum fließt der lange ersehnte Ökostrom in rauen Mengen, fangen die Probleme richtig an. So sind die Netze zu schwach, um die Elektrizität bei starkem Wind in vollem Umfang dorthin zu transportieren, wo sie gebraucht wird. Der Trassenausbau kommt nur langsam voran, weil Genehmigungen Zeit in Anspruch nehmen und Bürger gegen die Projekte protestieren.

Wärme aus Strom ("Power-to-Heat") könnte eine Lösung sein

Doch auch andere Möglichkeiten mit den Strommassen klarzukommen, wollen einfach nicht so recht in Gang kommen: Denn denkbar wäre auch, den Windstrom einfach verstärkt dort zu verbrauchen, wo er anfällt - zum Beispiel an der Nordsee.

Nun ist nicht zu erwarten, dass die Aluminiumschmelzen dieser Welt künftig nach Nordfriesland streben. Dort könnten sie zwar theoretisch die Öfen immer nur dann anwerfen, wenn ein Sturm heranzieht und besonders niedrige Strompreise verspricht. So ein Hin und Her lastet allerdings keinen Industriebetrieb aus. Für Papierfabriken, Chemieparks und die Zementindustrie ist die Lage ähnlich.

Folgen Sie Nils-Viktor Sorge auf twitter
Eine andere Lösung wäre viel einfacher: Warum nicht einfach eine Art gigantischen Tauchsieder anwerfen, wenn der Wind besonders stark weht? Mit dem Billigstrom ließe sich Wasser erhitzen, das die Heizungen von Millionen Nord- und Ostdeutschen speisen könnte, beispielsweise über die Fernwärmesysteme großer Städte wie Hamburg.

"Power-to-Heat" heißt dieses Konzept. Dessen Charme liegt auch darin, dass der Wind in Deutschland zur kalten meist Jahreszeit besonders stark weht.

Seite 1 von 2

© manager magazin 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH