Montag, 21. August 2017

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Zukunft der Ökoenergie Warum Wind- und Solarstrom bedroht sind

Kompliziertes Zusammenspiel: Wind- und Kohlekraft

Im April schreibt der Staat erstmals Lizenzen für Offshore-Windparks aus. Erwartet werden Billigstrom-Angebote. Doch das macht die Energiewende nur vordergründig günstiger.

Ihre dunkelste Stunde in diesem Jahr erlebten die erneuerbaren Energien am 24. Januar gegen 18 Uhr. Ein typischer Wintertag, wolkenverhangen und düster, und noch dazu: nahezu windstill. Dunkelflaute nennen die Experten solche Momente, in denen die Erzeugung von Wind- und Solarstrom faktisch zum Erliegen kommt.

Nur die weitgehend wetterunabhängigen Biogasanlagen und Wasserkraftwerke sorgen in solchen Situationen dafür, dass wenigstens noch ein bisschen Ökostrom durch die Leitungen fließt - knapp 90 Prozent des Verbrauchs wurden an diesem Januartag durch Kohle-, Gas- und Atomkraftwerke gedeckt. Fast wie in alten Zeiten.

Zwar muss niemand Angst haben, dass während einer solchen Dunkelflaute irgendwo im Land das Licht ausgeht. Allen Panikmachern und Schwarzsehern zum Trotz gibt es genügend konventionelle Kraftwerke, um selbst einen kompletten Ausfall der Erneuerbaren zu kompensieren. Das gilt sogar dann, wenn 2022 das letzte Atomkraftwerk abgeschaltet wird.

Das Problem schlummert im Strompreis

Dennoch geht von der starken Schwankungsanfälligkeit der Windkraft- und Solaranlagen eine Gefahr aus, die mittelfristig die Energiewende vor ernste Schwierigkeiten stellen kann. Das Problem schlummert - im Strompreis.

Seit der Strommarkt in Deutschland 1998 liberalisiert wurde und die regionalen Monopole der großen Versorger fielen, wird elektrische Energie wie ein Rohstoff an der Börse gehandelt: Langfristige Geschäfte mit festen Lieferzeitpunkten, die Jahre in der Zukunft liegen können, werden am Terminmarkt abgewickelt, kurzfristige am Spotmarkt. Da sich die Produktion von Ökostrom kaum über längere Zeiträume planen lässt, erfolgt der Handel nahezu ausschließlich über den Spotmarkt.

Preis schwankt stark - Speicherkapazitäten reichen nur für eine Stunde

Ist das Angebot knapp - etwa während einer Dunkelflaute -, steigen die Preise am Spotmarkt rasant, am 24. Januar zeitweilig auf über 160 Euro pro Megawattstunde. Das ist mehr als das Vierfache des Durchschnittspreises. Lacht hingegen die Sonne bei einer frischen Brise, fluten gigawattweise Wind- und Solarstrom ins Netz. Dann fällt der Preis auf null oder wird sogar negativ, weil die Netzbetreiber draufzahlen, um die überschüssige Energie irgendwie loszuwerden. Denn anders als Stahl, Kohle oder Aluminium kann man Strom nicht auf Halde legen und auf bessere Preise warten: Die Speicherkapazitäten in Deutschland reichen gerade einmal für eine Stunde des täglichen Bedarfs.

Netzagentur schreibt im April Lizenzen zum Bau von Offshore-Parks aus

Der Effekt dürfte sich in den kommenden Jahren verstärken: Der Ökostrom-Ausbau geht weiter, und wird permanent billiger. Anfang April schreibt die Bundesnetzagentur erstmals Lizenzen zum Bau von Offshore-Parks aus - und Experten rechnen damit, dass der Strom günstiger denn je angeboten wird.

Noch stören die extremen Preisschwankungen an der Börse die Betreiber von Wind- und Solarparks wenig, denn sie bekommen für jede Kilowattstunde, die sie ins Netz einspeisen, einen garantierten Preis, und zwar über einen Zeitraum von 20 Jahren. Egal ob der Spotmarktpreis auf null fällt oder noch darunter, der Betreiber bekommt seine gesetzlich festgelegte Einspeisevergütung, die Differenz zahlt der Endverbraucher über die EEG-Umlage.

Felix Matthes vom Öko-Institut
Öko-Institut
Felix Matthes vom Öko-Institut

Doch diese für die Erneuerbaren komfortable Situation wird sich in den kommenden Jahren ändern, wenn für die ersten Windräder und Solaranlagen die Förderung ausläuft.

"Ab Mitte der 2020er-Jahre werden wir einen komplett veränderten Strommarkt sehen", erklärt Felix Matthes, Experte für Energiepolitik beim Öko-Institut in Berlin gegenüber Energie-Winde. "Wir werden dann ein anderes Marktdesign brauchen."

Ohne die derzeitige staatliche Förderung geraten die Wind- und Solarstromproduzenten in eine paradoxe Situation: Wenn die Preise hoch sind, verdienen sie kaum etwas - weil dies immer dann der Fall ist, wenn kaum Wind weht und die Sonne nicht scheint. Dann machen die konventionellen Kraftwerke das Geschäft. Bei optimalen Wetterbedingungen ist die Ertragssituation aber noch schlechter, weil dann Strom im Überfluss vorhanden ist und der Spotmarktpreis auf null fällt oder negativ wird.

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