Dienstag, 20. November 2018

Weltverbesserer wider Willen Wie kaltes Kalkül die weltgrößte Ökostromfirma antreibt

Windräder in Texas

Vom Weltmarktführer für Wind- und Sonnenstrom haben bisher nur Eingeweihte gehört. Revolutionäres Image wie bei Tesla? Keine Spur. "Das ist Absicht", zitiert das "Wall Street Journal" einen Manager von Next Era Energy. Firmenchef Jim Robo stelle bewusst keine Leute ein, die den Anspruch haben, die Welt zu verändern.

Stattdessen herrsche in dem Konzern laut Insidern "Robo Math": Der CEO, der trotz seiner üppigen Vergütung von 33 Millionen Dollar im Jahr bei Meetings von zu Hause mitgebrachten Salat aus der Tupperdose esse, rechne stets mit spitzer Feder. Eine Präsentation, die finanziell nicht vollends optimiert sei, finde keine Gnade.

Als Ergebnis dieses kalten Kalküls macht Next Era Energy aber genau das - die Welt verändern. Der Konzern aus Florida ist mit einem Börsenwert von 77 Milliarden Dollar nicht nur zur Nummer eins in Amerikas Energiebranche aufgestiegen, kaum verschuldet, sondern nach eigenen Angaben auch noch zum Weltmarktführer für Wind- und Solarstrom.

Seine Windräder haben eine installierte Kapazität von 14 Gigawatt, die Sonnenkraftwerke etwas mehr als 3 Gigawatt. Weiteres enormes Wachstum ist mit Investitionen von rund 40 Milliarden Dollar bis 2020 schon angeschoben. Zum Vergleich: Die deutschen Wettbewerber Eon Börsen-Chart zeigen und Innogy Börsen-Chart zeigen, die nun auch vorwiegend auf Erneuerbare setzen, kommen zusammengenommen (vor der geplanten Übernahme) auf Windkraftanlagen mit 8 Gigawatt und kaum nennenswerte Solaranlagen.

"Hollywood-Status" als grünes Unternehmen spielt dabei keine Rolle. Next Era investiert in Erneuerbare einfach, weil es sich lohnt. 2017 überstieg der Gewinn der Ökosparte mit fast drei Milliarden Dollar den des traditionellen Versorgers Florida Power & Light (FPL), aus dem das Unternehmen hervorgegangen ist. Die wichtigsten Treiber des Wachstums sind

  • Steuergutschriften der USA für Ökostrom. Diese Form der Subvention gibt es schon seit Anfang der 90er Jahre, also noch vor dem deutschen Erneuerbare-Energien-Gesetz - seit 2014 wächst ihr Volumen aber rasant; die Gutschriften weiter zu verkaufen ist lukrativ für Firmen, die kostengünstig Wind- oder Solarparks betreiben können. Das System ist zwar bis 2020 befristet, doch dann gibt es noch
  • vorgeschriebene Ökostromquoten in den meisten Bundesstaaten. Versorger, deren Kapital in oft schuldenträchtigen fossilen Kraftwerken gebunden ist, müssen Ökostrom dazukaufen, um ihre Pflicht zu erfüllen - und wenden sich an Anbieter wie Next Era Energy
  • außerdem entsteht ein Markt freiwilliger Käufe grünen Stroms beispielsweise von großen Verbrauchern wie Google, die sich aus Image- oder Gewissensgründen verpflichtet haben, ihre Datenzentren mit erneuerbarer Energie zu betreiben

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