Samstag, 3. Dezember 2016

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Flüssiggas-Terminal gegen Putin? Die blinde Liebe für Wilhelmshaven

Flüssiggas-Terminal in Japan: In Deutschland derzeit kaum denkbar

Die Krise in der der Ukraine lässt den Traum von einem deutschen Terminal für Flüssiggas (LNG) in Wilhelmshaven wieder aufleben. Mit einer solchen Anlage ließe sich die Abhängigkeit von russischen Lieferungen reduzieren - allerdings nur in der Theorie.

Hamburg - Wilhelmshaven, das ist die Stadt der zerplatzten Illusionen. Ein Tiefwasserhafen, den (fast) niemand braucht, ein Chemiewerk, das nie gebaut wurde, dazu vier Kohlekraftwerke, die nicht über das Planungsstadium hinaus kamen. "Der Motor der Wirtschaft ist in Wilhelmshaven, was die Industrie betrifft, auf Stand-by gestellt", konstatierte der damalige Oberbürgermeister Eberhard Menzel (SPD), als zudem Conoco Phillips 2010 einen Rückzieher beim Ausbau der Raffinerie machte.

Und dann war da ja noch die Idee mit dem Terminal für Flüssiggas (LNG). Gigantische Tanker, so die Vision, sollten den Rohstoff aus allen erdenklichen Weltregionen an die Jade bringen. Dort würde er regasifiziert und ins deutsche Netz eingespeist.

Auf diese Weise - so die Theorie - könnte Deutschland als Teil des internationalen Gasmarktes viel Geld sparen. Nicht zuletzt wäre ein solches Terminal ein Gegengewicht zu Importen durch die Pipelines aus Russland. Immerhin gut 10 Prozent des Jahresverbrauchs könnte Deutschland so importieren. Doch Versorger Eon entschied sich 2008 gegen den Bau des Terminals und beteiligte sich stattdessen an einer Anlage in Rotterdam.

Ohne massive Subventionen kaum denkbar

Angesichts der Krise in der Ukraine bringen erste Politiker den Bau des Terminals jedoch wieder ins Spiel. So machte sich der niedersächsische Bundestagsabgeordnete Hans-Werner Kammer bei Bundeskanzlerin Angela Merkel (beide CDU) dafür stark. Immerhin liegen die praktisch fertigen Pläne in der Schublade der Deutschen Flüssiggas Terminal Gesellschaft.

Ohne massive Unterstützung vom Staat ist ein solches Projekt (Kosten: etwa 800 Millionen Euro) allerdings auch völlig undenkbar. Und selbst wenn es gelänge, die nötigen Fördermittel aufzutreiben, wäre das Terminal kaum geeignet, Russland ernsthaft etwas entgegenzusetzen.

Zu klein, zu teuer, nicht wirtschaftlich - ein solches Vorhaben würde der Bundesrepublik kaum dabei helfen, unabhängiger von Russland zu werden. Vor allem aber ist es angesichts massiver Überkapazitäten bei europäischen LNG-Importterminals derzeit schlicht überflüssig.

"Ein LNG-Terminal in Deutschland ist ganz eindeutig nicht notwendig", sagt Energieexperte Kurt Oswald von der Unternehmensberatung A.T. Kearney. Für die Energiekonzerne gebe es keinen Anreiz, eine solche Anlage zu bauen. Um die Versorgung sicherzustellen, seien Alternativen sinnvoller.

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