Montag, 10. Dezember 2018

Neuer Energielobby-Chef Kempmann war Anti-Atom-Aktivist "Ich habe immer viel zum Spaten gegriffen, aber nun bin ich hier"

Zeitenwende: Johannes Kempmann, früher Anti-Atom-Aktivist im Wendland, später Grünen-Politiker, nun Chef des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft
Michael Danner für manager magazin
Zeitenwende: Johannes Kempmann, früher Anti-Atom-Aktivist im Wendland, später Grünen-Politiker, nun Chef des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft

In den 80er-Jahren rief er zu Blockaden gegen Atomtransporte auf, heute ist Johannes Kempmann oberster Lobbyist der Energiekonzerne. Im Interview mit manager magazin online erzählt der BDEW-Präsident, wie er im Wendland Hand angelegt hat und erklärt, was er heute bewegen will.

mm: Herr Kempmann, im Jahr 1990 haben Sie als Grünen-Politiker gesagt, Sie freuten sich auf "sehr schöne Blockaden" von Atommülltransporten im Wendland. Bei Prügeleien mit der Polizei würden Sie dann "auf der richtigen Seite" stehen. Jetzt sind Sie BDEW-Chef - weshalb haben Sie die Seiten gewechselt?

Kempmann: Die Welt hat sich verändert, die Gesellschaft hat sich verändert. Ich bin gar nicht sicher, ob das mit dem Wechsel der aktuellen Debatte gerecht wird. Der Atomausstieg ist in Deutschland beschlossen, auch für die Energiewirtschaft. Der BDEW vertritt mit über 1800 Mitgliedsunternehmen die gesamte Branche mit Unternehmen jeglicher Größe. Als ich vor 20 Jahren in der Energiebranche anfing, wollte ich die erneuerbaren Energien voranbringen - das hat erstaunlich gut geklappt. Die Zeit bei den Stadtwerken hat mich verändert, aber auch die Branche hat sich verändert. Nun passen wir ganz gut zusammen.

mm: Warum haben Sie dennoch erstaunt auf das BDEW-Angebot reagiert? Sie sollen gesagt haben: "Wisst Ihr eigentlich, wen Ihr da fragt?"

Kempmann: Vielleicht kannte ja nicht jeder im Verband meine Vergangenheit. Aber nun bin ich hier - das ist doch ein Beleg für die Durchlässigkeit unserer Gesellschaft, für Offenheit und Transparenz und nicht zuletzt ein Bekenntnis des BDEW zu einer modernen Energiepolitik.

mm: Wie steht es denn um Ihre Vergangenheit, was war Ihre grenzwertigste Aktion im Wendland? Tauchen bald Fotos auf, die Sie mit einem Molotow-Cocktail zeigen oder einem Spaten, mit dem Sie Straßen unterhöhlen?

Kempmann: Ach was. Ich habe immer viel zum Spaten gegriffen, wenn es darum ging, Hüttendörfer zu bauen, aber das ist eine andere Geschichte. Die Proteste haben sich grundsätzlich von denen an anderen Standorten unterschieden, bei uns waren sie friedlich.

mm: Sie haben der Polizei 1988 vorgeworfen, sie unterstütze "kriminelle Machenschaften", indem sie Atomtransporte schütze. Gemessen an Ihren Worten von damals sind Sie jetzt Chef einer kriminellen Vereinigung.

Kempmann: Das ist so lange her. Ich erinnere mich nicht an den Zusammenhang, es ging mir wohl um den Transnuklear-Skandal...

mm: ... bei dem Fässer mit nicht genehmigtem Inhalt nach Gorleben transportiert wurden. Gab es denn später ein bestimmtes Erlebnis, dass Ihre Einstellung zur Energiepolitik einschneidend verändert hat?

Kempmann (lacht): Ein Erweckungserlebnis in der Energiebranche? Sicher nicht.

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