Sonntag, 24. März 2019

Neuer Energielobby-Chef Kempmann war Anti-Atom-Aktivist "Ich habe immer viel zum Spaten gegriffen, aber nun bin ich hier"

Zeitenwende: Johannes Kempmann, früher Anti-Atom-Aktivist im Wendland, später Grünen-Politiker, nun Chef des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft
Michael Danner für manager magazin
Zeitenwende: Johannes Kempmann, früher Anti-Atom-Aktivist im Wendland, später Grünen-Politiker, nun Chef des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft

4. Teil: "Wir müssen alles tun, um einen Blackout zu verhindern"

mm: Wird der Preis nicht zu häufig als Totschlagargument verwendet? Der schnelle Anstieg beim Strompreis ist doch bereits gestoppt.

Kempmann: Nein. Denn der staatliche Anteil von Steuern und Abgaben am Strompreis für Haushalte ist inzwischen auf ein neues Rekordhoch von 52 Prozent gestiegen.

mm: Das Statistische Bundesamt sagt, Strom ist auf Jahressicht zuletzt 1,8 Prozent teurer geworden. Fachleute erwarten, dass die EEG-Umlage Anfang 2015 sinken könnte.

Kempmann: Es mag aus heutiger Sicht möglich sein, dass die EEG-Umlage stagniert. Aber es ist klar, dass andere Kosten auf die Kunden zukommen, für Netzausbau und die Bereitstellung von Back-up-Kraftwerken.

mm: Welche Zusatzkosten kommen bei Netzen und Reservekraftwerken auf die Verbraucher in Industrie und Haushalten zu?

Kempmann: Auf Euro und Cent kann ich es nicht beziffern, aber es geht auf jeden Fall nach oben, nicht nach unten. Allein in die regionalen Verteilnetze müssen in den nächsten zehn Jahren rund 25 Milliarden Euro investiert werden.

mm: Sie haben oft gewarnt, die Netze seien wegen des vielen Windstroms überlastet. Aber wir warten immer noch auf den Blackout.

Kempmann: Ich warte da nicht drauf. Wir müssen weiter alles tun, um das zu verhindern. Die Netze werden instabiler, die Zahl der Eingriffe nimmt dramatisch zu, und wir haben an weit mehr als der Hälfte der Tage im Jahr diese Eingriffe. Früher gab es drei bis vier. Das System wird instabiler.

mm: Die Bundesnetzagentur schreibt, die Lage entspanne sich inzwischen wieder.

Kempmann: Ich weiß aus eigener Erfahrung, was in den Netzen los ist. Ich rede mit Kollegen und sehe, da ist kein bisschen Entspannung. Es sind große Anstrengungen nötig, um die Netze stabil zu halten, dazu gehören der Netzausbau und regelbare Kraftwerke, die Schwankungen ausgleichen. In den neuen Bundesländern fehlt es vielerorts noch an derartigen Kraftwerken. In einer Viertelstunde müssen zum Beispiel 1400 Megawatt irgendwo herkommen.

mm: Viele Versorger haben die Energiewende verschlafen und die falschen Kraftwerke gebaut. Jetzt sollen sie dafür mit Geld belohnt werden?

Kempmann: Das ist doch nicht richtig. Investitionen wurden im Vertrauen auf politische Versprechen getätigt. Und diese Investoren sollen jetzt bestraft werden? Überall sonst legen wir zu Recht auf Bestandsschutz Wert. Für die Unternehmen unseres Verbandes gilt das nicht. Weshalb gilt das aber nicht für alle? Die Förderung der Erneuerbaren ist ein massiver Eingriff in das Geschäft der Energieversorger. Kraftwerke werden aus dem Markt gedrängt, da wird nicht über Bestandsschutz geredet. Wenn wir sichere Stromversorgung wollen, brauchen wir eine gesicherte Leistung von etwa 85 Gigawatt, und diese Dienstleistung muss künftig bezahlt werden.

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