Sonntag, 24. März 2019

Neuer Energielobby-Chef Kempmann war Anti-Atom-Aktivist "Ich habe immer viel zum Spaten gegriffen, aber nun bin ich hier"

Zeitenwende: Johannes Kempmann, früher Anti-Atom-Aktivist im Wendland, später Grünen-Politiker, nun Chef des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft
Michael Danner für manager magazin
Zeitenwende: Johannes Kempmann, früher Anti-Atom-Aktivist im Wendland, später Grünen-Politiker, nun Chef des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft

3. Teil: "Die Änderungen am EEG reichen hinten und vorne nicht"

mm: Eine andere Dauerbaustelle ist das EEG. Bringt die gerade verabschiedete Neufassung mit weniger Förderung den Durchbruch für die Energiewende?

Kempmann: Das ist ein Schritt in die richtige Richtung, aber es reicht von vorn bis hinten nicht aus. Immerhin leitet das neue Gesetz einen Systemwechsel bei den Erneuerbaren ein, hin zu mehr Wettbewerb durch Direktvermarktung und Ausschreibungen und zu mehr Systemverantwortung. Aber bei der Energiewende geht es doch um viel mehr als die Frage "wie viele Windräder stellen wir in möglichst kurzer Zeit auf?" Es geht doch auch um Klimaschutz und eine sichere Versorgung, das ist ein viel weiteres Spektrum, da muss noch viel kommen.

mm: Der Ausbau der erneuerbaren Energien hat sich als recht dynamisch und damit erfolgreichstes Mittel der Energiewende erwiesen…

Kempmann: Ja, aber ich stelle auch fest: Wir haben heute 25 Prozent Strom aus erneuerbaren Energien im Netz, aber stoßen mehr CO2 aus als vor zwei Jahren.

mm: Das ist vielleicht eine Momentaufnahme. Immerhin sind zahlreiche Kernkraftwerke vom Netz gegangen und es waren kalte Jahre, in denen mehr Strom verbraucht wird.

Kempmann: Ganz genau. Der frostige Winter hat den Heizbedarf steigen lassen. Das hat sich stark auf die CO2-Emissionen ausgewirkt. Aber das wird von der Politik bislang nicht thematisiert. Stattdessen wird auf die Kohlekraftwerke verwiesen. Aber hier ist der Markt aus dem Gleichgewicht geraten. Viele Kraftwerke lassen sich nicht mehr wirtschaftlich betreiben.

mm: Auch bei einem höheren Strompreis wäre es billiger, Kohle zu verbrennen als Gas. Es würde sich in der Erzeugung gar nichts ändern - außer, dass die Versorger wirtschaftlich besser dastünden.

Kempmann: Da bin ich nicht so sicher. Jede Kilowattstunde, die aus einem Gaskraftwerk kommt, würde ja irgendetwas anderes verdrängen, das geht doch gar nicht anders. Aber es geht bei der Energiewende ja nicht nur um die Stromerzeugung. Wir reden kaum über den Wärmemarkt, die Gebäudesanierung oder den Verkehrsbereich. 60 Prozent des CO2-Ausstoßes stammt aus diesen Bereichen. Das Potenzial ist also enorm.

mm: Was ist beim Thema Wärme und Verkehr zu tun?

Kempmann: Die Politik muss endlich über vernünftige steuerliche Anreize für die Gebäudesanierung nachdenken. Jeder Förder-Euro zieht rund acht Euro Privatinvestitionen nach sich. Auch Biogas im Wärmemarkt ist eine interessante Option. Außerdem muss über die Verlängerung steuerlicher Anreize für Erdgasfahrzeuge und die Förderung von Elektroautos nachgedacht werden.

mm: Die Debatte ums EEG ist stark von der energieintensiven Industrie geprägt worden, weniger von der Energiewirtschaft selbst. Ein Versäumnis?

Kempmann: Es wird leider oft ausgeblendet, dass nach wie vor die Wirtschaft den Großteil der EEG-Vergütungen bezahlt. Und die Debatte ist geprägt von dem Ziel, den Strompreisanstieg in den Griff zu bekommen. Ob das gelingt, weiß ich nicht. Klar ist, dass der Ausbau der Erneuerbaren nur ein Teil der Energiewende ist. Daher muss auch die Politik Verantwortung übernehmen und den Verbrauchern ehrlich sagen, dass die weiteren Maßnahmen zur erfolgreichen Umsetzung der Energiewende auch Geld kosten werden.

© manager magazin 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung