Dienstag, 24. Oktober 2017

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GE jagt Siemens bei Offshore-Windkraft Deutschlands schwimmende Steckdose

Dolwin (rechts) dockt an.

Gleichstromleitungen sollen Windparks auf hoher See endlich rentabel machen, weil sie Elektrizität auch über lange Strecken transportieren können. Nach Siemens und ABB setzt jetzt auch General Electric auf die Technik, gerade wurde die erste Konverterstation in der Nordsee installiert. Kann die Milliarden teure Technik die Energiewende voranbringen? Ein Hochspannungstest.

Kleng, kleng. Mit schweren Sicherheitsschuhen steigt Hans Poggendorf die metallenen Gitterstiegen empor. Die rechte Hand stets am Geländer, auf dem Kopf einen weißen Schutzhelm, dazu einen neongelben Schutzanzug. Auf hoher See kann man nicht vorsichtig genug sein. Noch dazu wenn über und unter einem Hochspannungsstrom mit 40.000 Volt durch armdicke Leitungen schießt. Kleng, kleng.

"Wer diesen Raum betritt, wird in Sekundenbruchteilen gegrillt", sagt der Ingenieur von General Electric (GE) - und geht beherzten Schritts durch die Tür mit dem grellroten Aufkleber "Lebensgefahr! Betreten verboten!". Dahinter schimmern meterhohe mattsilberne Spulen, über denen glänzende Ringe wie Heiligenscheine schweben. Es riecht nach frischer Farbe. Zwischen den Silberspiralen wäre genug Platz, um einen Lkw zu parken. "Damit keine Funken überspringen", erklärt Poggendorf. Bei laufendem Betrieb herrscht hier Hochspannung von 320.000 Volt. Würden sich jetzt Captain Kirk und Mister Spock irgendwo materialisieren, es wunderte einen nicht.

Dass der gelernte Schiffbauer beim Betreten des Gleichrichterraums der Offshore-Konverterstation Dolwin gamma nicht zu einem Häufchen Asche verkohlt wurde und auch nicht fürchten muss, auf dem 32 Meter hohen Oberdeck von einer Sturmbö in die Nordsee geblasen zu werden, hat einen einfachen Grund: Noch liegt der grellgelbe Koloss, der ein wichtiger Baustein der deutschen Energiewende werden soll, im Dock bei Nordic Yards in Rostock-Warnemünde. Handwerker verrichten die letzten Arbeiten. Wenige Tage später werden Schlepper die mehr als 18.000 Tonnen schwere Plattform aufs offene Meer gezogen haben, vorbei an Bornholm, um die Nordspitze Jütlands herum, bis zu ihrer endgültigen Position in der Nordsee, 45 Kilometer nördlich von Borkum. In gut einem Jahr wird dann Windstrom von hier aus ans Festland fließen, 900 Megawatt wird Dolwin gamma bei voller Auslastung an die Landstation im ostfriesischen Dörpen südlich von Leer liefern - so viel wie ein kleines Atomkraftwerk.

"Eine Konverterplattform ist wie eine Steckdose auf See", erklärt Edgar Scholz. Der 64-jährige Projektleiter von GE sitzt in Jeans, kariertem Hemd und schwarzem Sakko am Rande des Werftgeländes im zweiten Stock eines Plattenbaus aus DDR-Zeiten, der notdürftig als Kommandozentrale hergerichtet wurde. Die Situation hat etwas Surreales: Wo einst kommunistische Kader über die Planerfüllung diskutierten, überwacht heute der Manager eines US-Konzerns die letzten Schritte eines Hunderte von Millionen Euro schweren High-Tech-Projekts. An den Wänden hängen mannshohe Konstruktionspläne, auf den Fluren wird Englisch gesprochen.

"Eine Konverterplattform ist wie eine Steckdose auf See"

"Statt von jedem Offshore-Windpark einzeln eine Leitung an Land zu legen, wird der Strom in der Plattform gebündelt und in nur zwei Seekabeln zur Küste transportiert", erklärt Scholz. "Das ist effizienter und schont die Umwelt." Ein paar Monate hinken sie dem Zeitplan hinterher, was beim Auftraggeber Tennet für einige Verstimmung sorgt. Aber da auch die Windräder und die Leitungsanbindung an Land noch nicht fertig sind, besteht noch die Chance zum Nacharbeiten. "Solche Projekte sind einfach unglaublich komplex", sagt Scholz.

122 Turbinen in den Windparks Riffgrund 2 und Merkur werden ab Mitte 2018 ihre Energie in Dolwin gamma einspeisen und damit einen Teil der Stromversorgung des Emslandes und des Ruhrgebiets sichern. "Die Plattform ist ein wichtiger Meilenstein für die Offshore-Windkraft", sagt Wilfried Breuer, Geschäftsführer des Netzbetreibers Tennet, der für die Hochspannungsleitungen an der Nordseeküste zuständig ist. "Wir haben ein standardisiertes Verfahren geschaffen und können solche Konverter jetzt in Serie bauen", sagt der Manager. "Das wird zu deutlichen Kostensenkungen führen - nur so wird die Offshore-Windkraft wettbewerbsfähig werden."

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