Donnerstag, 26. Mai 2016

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Marktverzerrung durch deutschen Einheitsstrompreis Wie Deutschland Europas Strommarkt unter Druck setzt

Stromengpass zwischen Nordost- und Südwestdeutschland: Günstiger produzierter Strom sollte vom Nordosten nach Südwesten Deutschlands fließen, kann dies aber nicht, weil die Übertragungsnetze hierfür nicht in ausreichendem Maße ausgebaut sind

Überhastete, politisch motivierte Entscheidungen in Deutschland führen zur Schließung von Grenzen innerhalb Europas. Was wie ein Kommentar zur aktuellen Flüchtlingskrise klingt, beschreibt gleichermaßen die Situation im europäischen Binnenmarkt für Elektrizität. Ende September hat ACER, der Verband der europäischen Regulierungsbehörden, die Bundesregierung aufgefordert, innerhalb von vier Monaten Handelsbeschränkungen im Stromexport nach Österreich einzuführen - sprich, eine Grenze wieder zu errichten, die es seit der Einführung der gemeinsamen deutsch-österreichischen Gebotszone nicht mehr gegeben hat.

Auslöser für diese kuriose Empfehlung ist allerdings kein deutsch-österreichisches Problem, sondern ein rein innerdeutsches: ein Stromengpass zwischen Nordost- und Südwestdeutschland. Die Engpasslinie verläuft entlang des Mains und dann nordwestlich des Ruhrgebiets in Richtung der Niederlande. In vielen Stunden des Jahres kann Strom nördlich dieser Linie zu geringeren variablen Kosten produziert werden als südlich davon: Kohle und Wind haben deutlich geringere Einsatzkosten als beispielsweise Erdgas. Dieser günstige Strom möchte daher von Nordost nach Südwest fließen, kann dies aber nicht, weil die Übertragungsnetze hierfür nicht in ausreichendem Maße ausgebaut sind.

Damit das Netz also nicht überlastet wird, müsste nordostdeutsche Erzeugung durch südwestdeutsche ersetzt werden. Da der Stromgroßhandelspreis in Deutschland aber durch eine vom Staat vorgeschriebene einheitliche Gebotszone künstlich vereinheitlicht wird, kann der Markt diesen geographischen Ausgleich nicht bewirken. Stattdessen wird das Problem durch den sogenannten Redispatch, einen nachträglichen Markteingriff der Übertragungsnetzbetreiber (ÜNB), angegangen.

Marc Oliver Bettzüge
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    Joachim Rieger
    Marc Oliver Bettzüge ist Professor für Volks-wirtschaftslehre an der Universität zu Köln sowie Direktor des Energie-wirtschaftlichen Instituts (EWI). Er befasst sich insbesondere mit institutionellen und wirtschafts-wissenschaftlichen Grundsatzfragen der Energiewirtschaft und der Energiepolitik.
Die Kraftwerke mit den höchsten Einsatzkosten im Nordosten werden administrativ heruntergeregelt, im Gegenzug die eigentlich noch teureren Kraftwerke in Süddeutschland herauf. Solange solche Kraftwerke im Süden vorhanden sind, kann dieser Mechanismus die Stabilität in der einheitlichen deutschen Gebotszone gewährleisten. Allerdings liefert er keine Anreize für die Vorhaltung solcher südwestdeutschen Erzeugungskapazitäten.

Darüber hinaus macht das Problem an der deutschen Grenze nicht halt: Wegen der einheitlichen Gebotszone in Deutschland sehen ausländische Marktteilnehmer südlich des Engpasses, also aus Österreich, der Schweiz oder Frankreich, einen deutschen Durchschnittspreis. In einer Engpasssituation in Deutschland kaufen sie also physikalisch den faktisch teureren südwestdeutschen Strom, bezahlen aber kommerziell einen zu niedrigen Preis dafür, und kaufen daher - ökonomisch betrachtet - zu viel davon. Genau entgegengesetzt sehen die Nachbarn im Norden und Osten einen zu hohen Preis. Der Engpass wird dadurch noch verstärkt.

Der Grund für den innerdeutschen Engpass ist das zunehmende Auseinanderfallen von Erzeugung und Nachfrage zwischen Nordost- und Südwestdeutschland. Das wiederum liegt vor allem an einem Baustein der sogenannten deutschen "Energiewende", dem Ausstieg aus der Kernenergie und der Art seiner Umsetzung. Während im Nordosten Kohle- und Windkapazitäten, welche in den vergangenen Jahren neu errichtet wurden, die dort wegfallenden Kernkraftwerke mehr als kompensieren können, wurden und werden die südwestdeutschen ohne entsprechende Ersatzinvestitionen abgeschaltet. Geographische Erwägungen haben bei der sehr rasch vorgenommenen Formulierung des Ausstiegsgesetzes im Frühjahr 2011 eben keine Rolle gespielt.

Daneben tragen auch die immensen Investitionen in Windenergie in Nordostdeutschland und Dänemark sowie die langfristige Verschiebung der Stromnachfrage in die wirtschaftlich wachstumsstärkeren Regionen im Süden und Westen Deutschlands zur Verschärfung des Engpasses bei. Der enorme Ausbau von Photovoltaikanlagen im Süden wirkt aufgrund der verhältnismäßig geringen Anzahl von Sonnenstunden und der fluktuierenden Einspeisung diesen Trends nur in eingeschränktem Maße entgegen.

Langfristig könnten zwar umfangreiche zusätzliche Transportleitungen den innerdeutschen Engpass beheben. Doch die Geschwindigkeit des Netzausbaus hinkt deutlich hinter der Geschwindigkeit der Abschaltung südwestdeutscher Kernkraftwerke her.

Im Zusammenspiel der Faktoren hat sich daher der Engpass seit 2011 sogar deutlich verschärft. Ohne gravierende Veränderung des politischen Rahmens - Windausbau im Norden, Kernenergie-Ausstieg im Süden - ist zu erwarten, dass die kritischen Situationen in den kommenden Jahren eher zu- als abnehmen werden.

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