Sonntag, 24. Juli 2016

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Der wahre Gegner der Versorger Wie Energiekonzerne ihre Zukunft verspielen

Kohlekraftwerk Mehrum: Energieversorger müssen sich radikaler wandeln als bisher

Wenn Energieversorger langfristig überleben wollen, müssen sie sich radikaler wandeln als bisher. Es reicht nicht, auf Ökostrom zu setzen, die Kosten zu senken und in Karlsruhe gegen die Energiewende zu klagen. Der wahre Gegner sitzt ganz woanders.

Das bisherige Kerngeschäft der Energieversorger hat ausgedient. Strom und Gas zu produzieren, zu verkaufen und an die Kunden zu liefern, ist heute nicht mehr genug. Die Energiewende und der technische Fortschritt erzwingen eine radikale strategische Umorientierung der Branche hin zu neuen Geschäftsfeldern - und die ist bis jetzt allenfalls in Ansätzen zu erkennen.

Angeheizt wird die Notwendigkeit zum Wandel durch immer komplexere Kundenanforderungen. Früher war Strom ein "Low-Involvement-Produkt": Er kam aus der Steckdose, das reichte den Menschen. Heute hinterfragen die Verbraucher die gesamte Versorgungskette und legen besondere Aufmerksamkeit auf die Qualität der Energieproduktion und -nutzung.

Johannes Bohnet
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    Seerene
    Johannes Bohnet ist Gründer von Seerene. Vor seiner Arbeit bei Seerene war Bohnet als Senior Consultant bei einem renommierten IT-Beratungsunternehmen tätig. Zudem leitete er den Bereich "Automatisierte Software-Analyse und Visualisierung" am Hasso-Plattner-Institut, dem deutschen Exzellenzcenter für Software Engineering.
Die bittere Folge: Wer als Energieversorger in zehn Jahren noch existieren möchte - und dies gilt nicht nur für die kleinen sondern gerade für die großen Unternehmen - muss sich diesen Herausforderungen radikal stellen.

Ein halbherziger Fokus auf Kostenstrukturen und eine Optimierung der Netze und Anlagen hilft nur kurzfristig. Wer überleben will und sich gegenüber der zunehmenden Zahl an Wettbewerbern auf Dauer halten möchte, muss weitsichtiger denken - und vor allem handeln.

Den Kampf auf dem Energiemarkt werden diejenigen gewinnen, die sich in mehreren Dimensionen erfolgreich wandeln.

1. Neue Partner

Die Zukunft der Energie-Geschäftsmodelle liegt in kooperativen Modellen mit, auf den ersten Blick, branchenfremden Partnern.

Man denke an das Thema Elektromobilität, bei dem Automobilhersteller, Ladestationsbetreiber, Akkuhersteller, Energieversorger und Flottenbetreiber zusammenarbeiten müssen. Oder an die Chancen im Bereich Smart Energy inklusive IoT-Technologien, wo Energieerzeugung, -transport und -verbrauch optimal zwischen allen Beteiligten aufeinander abgestimmt sein müssen.

2. Vom Erzeuger zum Dienstleister

Energieversorger müssen sich zukünftig als Servicedienstleister und Energieberater verstehen. Voraussetzung hierfür ist, dass sie ihre Kunden über neue digitale Services an sich binden. Über diese Datenkanäle können sie ihre Kunden immer besser verstehen und optimale, kundenangepasste Services anbieten. Man stelle sich Strompreise vor, die sich in Echtzeit aus dem individuellen Verbrauchsverhalten berechnen.

Eine Herkulesaufgabe gilt es also zu bewältigen. Auf den ersten Blick scheint dies primär die Unternehmensstrategien, -organisationen und -abläufe zu betreffen. Schaut man jedoch genauer hin, wird ersichtlich, dass es eine noch viel größere Hürde zu nehmen gilt, als "nur" den Arbeitsalltag der Mitarbeiter zu ändern. Die über Jahrzehnte gewachsene IT-Landschaft, die die essentielle Basis für die Geschäftsprozesse darstellt, muss rundum erneuert und neuerfunden werden.

Die ganz große Schwierigkeit ist: Keiner im Unternehmen hat einen Überblick über die vielen Millionen Programmzeilen in der Unternehmenssoftware. Wie soll man auch als Mensch dieses riesige "Code-Buch" lesen und verstehen können, das entstehen würde, würde man den Code sämtlicher in einem Unternehmen vorhandener Steuerungsprogramme ausdrucken. Selbst ein kleinerer, regionaler Energieversorger käme auf einen Code-Papierstapel der Höhe des Berliner Fernsehturms. Dies sprengt die kognitiven Grenzen eines jeden Menschen.

Hinzu kommt, dass oftmals gerade die wichtigen Kernsoftwaresysteme in Programmiersprachen aus den 1980er Jahren geschrieben sind. Diese Sprachen werden nicht mehr an den Universitäten gelehrt. Es gibt keine entsprechend ausgebildeten Fachkräfte am Arbeitsmarkt. Der Code kann nur von wenigen Experten entziffert werden - und die stehen meist kurz vor dem Rentenalter. Hier tickt eine Zeitbombe, ganz unabhängig von der Dynamik der Energiewende.

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