Dienstag, 24. Januar 2017

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Steigende Strompreise Die Elektronenschieber - ein Besuch im Nervenzentrum der Energiewende

Wann welcher Strom ins Hochspannungsnetz darf und wann nicht, darüber entscheidet das Steuerungszentrum des Stromnetzbetreibers Tennet

Der Strompreis an der Börse ist niedrig wie nie, trotzdem müssen Verbraucher 2017 mehr bezahlen. Es gibt Ökostrom im Überfluss, trotzdem laufen Kohlekraftwerke auf Hochtouren. Wie kann das sein? Die Antwort findet sich in einem unscheinbaren Bau östlich von Hannover. Ein Besuch im Nervenzentrum der Energiewende.

Graue Betonpfeiler, weiße Kunststofffenster, die Fassade aus Waschbeton. Schulgebäude aus den 1970er Jahren sehen so aus. Oder Anbauten von Finanzämtern. Von der Hauptstraße aus ist der zweigeschossige Plattenbau kaum zu sehen, eine grüne Lärmschutzwand versperrt den Blick. Der Weg zum Parkplatz führt vorbei an einer Streuobstwiese und durch eine Reihenhaussiedlung. Nichts deutet darauf hin, dass hier Entscheidungen von strategischer Bedeutung für Deutschland fallen. Nur der 2,50 Meter hohe Sicherheitszaun, die Überwachungskameras und die mannshohe Sicherheitsschleuse.

Volker Weinreich wartet am Eingang. "Wir liegen hier etwas versteckt", sagt er mit leichtem westfälischen Einschlag. "Und das ist uns auch durchaus angenehm." Seit fünf Jahren ist der gebürtige Dortmunder Chef dieser Einrichtung, deren offizielle Bezeichnung "Schaltleitung" ähnlich viel über ihre tatsächliche Bedeutung erahnen lässt wie das Gebäude. Hier, am Rande des Dörfchens Ahlten östlich von Hannover, liegt das Steuerungszentrum des Stromnetzbetreibers Tennet, dessen Hochspannungsleitungen von der dänischen bis an die österreichische Grenze reichen. Hier ist das Nervenzentrum der deutschen Energiewende.

Weinrich und sein Team entscheiden, welches Kraftwerk wie viel Strom ins Netz einspeist, welche Windräder sich drehen dürfen und welche nicht. Sie sorgen dafür, dass auch bei bedecktem Himmel und Windstille keine Glühbirne ausgeht, kein Fließband stehen bleibt. "Durch die Energiewende ist unsere Arbeit sehr viel anspruchsvoller geworden", sagt Weinreich. "Wir müssen immer häufiger eingreifen, damit das Stromnetz stabil bleibt. Wir rücken immer näher an die Grenzen der Belastbarkeit heran."

"Wir rücken immer näher an die Grenzen der Belastbarkeit"

Die Ingenieure in Ahlten schaffen die Basis dafür, dass die Energiewende überhaupt funktioniert. Und sie sind gleichzeitig diejenigen, die sie immer teurer machen. Ihre Entscheidungen kosten die Kunden Hunderte Millionen Euro im Jahr. Weil es nicht genügend Leitungen gibt, um den Strom dorthin zu transportieren, wo er gebraucht wird. Ob das, was an dieser zentralen Schnittstelle momentan passiert, das ist, was die Erfinder der Energiewende gewollt haben, ist mehr als fraglich.

Zwei Entwicklungen verlaufen gerade parallel, die die Stromkosten für Privathaushalte derzeit wieder leicht nach oben treiben: Zum einen ist es die steigende Ökostromumlage, zum anderen der wachsende Aufwand für Netzbetreiber wie Tennet. Der Ausbau erneuerbarer Energien schreitet in hohem Tempo voran: 2015 lag die Kapazität aller installierten Wind-, Wasser-, Solar- und Biomassekraftwerke bei knapp 100 Gigawatt. Das entspricht etwa der zehnfachen Leistung aller deutschen Atomkraftwerke, die noch am Netz sind. In den vergangenen sechs Jahren hat sich die Stromerzeugung durch erneuerbare Energien annähernd verdoppelt.

Das Ergebnis ist ein gigantisches Überangebot an Strom, was zu einem drastischen Preisverfall geführt hat: Seit 2011 hat er sich halbiert - allerdings nur an der Börse, nicht für den Endverbraucher. Denn der zahlt über die Ökostromumlage den wesentlich höheren Preis, den der Gesetzgeber den Erzeugern von Ökoenergie garantiert hat, in der Regel über einen Zeitraum von 20 Jahren.

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