Dienstag, 24. Oktober 2017

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Steigende Strompreise Die Elektronenschieber - ein Besuch im Nervenzentrum der Energiewende

Wann welcher Strom ins Hochspannungsnetz darf und wann nicht, darüber entscheidet das Steuerungszentrum des Stromnetzbetreibers Tennet

3. Teil: Ökologischer Irrsinn

"Die Energiewende hat den Netzbetrieb wesentlich komplexer und aufwendiger gemacht", sagt Weinreich. Er steht vor einem etwa drei Quadratmeter großen Monitor in der Mitte des Kontrollraums, auf dem Linien in verschiedenen Farben aufleuchten. Jede steht für ein ganzes Bündel an Hochspannungsleitungen. Ist die Linie grün oder gelb, gibt es keinen Grund zur Besorgnis. Wird sie rot, schauen die Ingenieure genauer hin. Verfärbt sie sich violett, wird es kritisch.

"Es ist wie auf der Autobahn", erklärt Weinreich. "Wenn zu viele Autos gleichzeitig auf der A7 von Norden nach Süden wollen und sich dann auf halber Strecke die Fahrbahn verengt, kommt es zum Stau." Genau so sei es mit dem Stromnetz auch. "Nur dass es bei uns eben nicht zum Stau kommen darf." Denn das würde bedeuten, dass irgendwo das Licht ausgeht.

Wenn Ahlten es will, stehen die Windrotoren still

Wenn also ein Sturmtief über Norddeutschland fegt und die Leitungen mit Windstrom voll pustet, kann das die unterdimensionierten Leitungen zum Glühen bringen. Überlastung droht. In solchen Momenten greifen die Tennet-Ingenieure ein - und nehmen die überschüssige Energie vom Netz. Eine Anweisung aus Ahlten und die Rotoren bleiben stehen trotz Windstärke acht. "Es ist im Grunde genommen widersinnig", sagt der Chef der Leitstelle. "Gerade die Offshore-Windparks sind ein Riesenerfolg. Und wir regeln sie immer häufiger ab, wenn sie am meisten Ertrag bringen."

Damit nicht genug: Nur weil es im Norden stürmt, baut BMW in München ja nicht weniger Autos. Und so kann es sein, dass irgendwo in Süd- oder Ostdeutschland zur selben Zeit die Leistung eines konventionellen Kraftwerks hochgefahren wird. Welches das ist, entscheiden die Ingenieure anhand von zwei Kriterien: Nähe und Preis.

Das Kraftwerk, das in der kürzesten Distanz zum Stromengpass steht und am günstigsten anbieten kann, erhält den Zuschlag. In der Regeln sind das alte Braun- oder Steinkohlemeiler, die seit Jahren abgeschrieben sind und entsprechend billig anbieten können. Moderne Gaskraftwerke, die zwar sauberer wären aber teurer, stehen still. Sie dienen nur noch als "strategische Reserve".

Das ist nicht nur ökologischer Irrsinn, es ist auch irrsinnig teuer. Der Strom muss nämlich jetzt zweimal bezahlt werden: Einmal an den Betreiber des Kohlemeilers, der die Energie tatsächlich produziert hat. Und einmal an den Betreiber des abgeschalteten Windparks. Denn Ökostrom hat laut Gesetz Vorrang. Wird er vom Netz genommen, muss der verhinderte Erzeuger entschädigt werden. "Jeder Eingriff zur Stabilisierung des Netzes kostet Geld", sagt Weinreich. Allein 2015 musste Tennet 1400 Mal eingreifen. Vor der Energiewende kam das nur ein paar Mal im Jahr vor.

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