Samstag, 24. Februar 2018

Studie warnt vor Stromnetzkollaps Stromnetz auf möglichen E-Auto-Boom nicht vorbereitet

E-Auto-Ladestation in Oslo (Norwegen)

Deutschland ist weit entfernt von einer Elektroautoquote von 30 Prozent. Ist aber diese Quote erreicht, wäre das hiesige Stromnetz im gegenwärtigen Zustand überlastet - vorausgesetzt, es laden zu viele Autos zur gleichen Zeit. Bei einer intelligenten Verteilung der Ladevorgänge müsse das Stromnetz dagegen gar nicht ausgebaut werden. Selbst bei einer E-Autoquote von 100 Prozent, so eine Studie.

Das deutsche Stromnetz ist einer Studie zufolge auf einen möglichen Boom von Elektroautos nur unzureichend vorbereitet. Ab einer Quote von 30 Prozent Elektroautos komme es zu Engpässen bei der Stromversorgung, heißt es in einer am Montag veröffentlichten Studie der Technischen Universität (TU) München. Notwendig seien bis zu elf Milliarden Euro für den Netzausbau - und vor allem Flexibilität der vielen Nutzer beim Laden ihrer E-Autos.

2035 werde mehr als jedes dritte Auto auf deutschen Straßen ein E-Auto sein, glauben die Autoren der gemeinsamen Studie der TU und der Unternehmensberatung Oliver Wyman. In Stadtrandlagen würden die 30-Prozent-Quote bereits in fünf bis zehn Jahren erreicht sein. Bei einer Ortsnetzgröße von 120 Haushalten reichten demnach bereits 36 Elektroautos, um das Netz zu überlasten.

E-Auto-Quote in Deutschland noch bei bescheidenen 1,6 Prozent

Noch allerdings hinkt Deutschland bei der Zulassung von Elektroautos hinterher. Zwar wurden 2017 mit fast 54.500 Elektroautos 117 Prozent mehr verkauft als ein Jahr zuvor. Doch liegt der Marktanteil damit immer noch bei bescheidenen 1,6 Prozent - trotz üppiger Kaufprämie von bis zu 4000 Euro je E-Auto. Die Erfahrung in anderen Ländern zeigt zudem: Sobald die staatliche Prämie oder sonstige Begünstigen wegfallen, brechen die Verkäufe dramatisch ein: In den Niederlanden zuletzt um 60 Prozent.

Die meisten Ladevorgänge von E-Autos sind laut Studie aber "zeitlich flexibel". Der Ladevorgang könne auch später in der Nacht beginnen, ohne dass ein Elektroauto-Nutzer am nächsten Tag auf sein vollgeladenes Fahrzeug verzichten müsse, erklärte Energieexperte Thomas Fritz von Wyman.

In diesem Fall wäre der Ausbau des Netzes sogar überflüssig, selbst wenn die E-Auto-Quote 100 Prozent beträgt, räumt die Studie dann auch ein. Damit die Ladevorgänge entsprechend flexibel verteilt werden, sei vor allem eine intelligente Softwarelösung notwendig.

Das Problem sind in erster Linie die Ladespitzen

Die Netz-Chefin des Energieversorgers Innogy, Hildegard Müller, bestätigte: Es gehe gar nicht um die absolute Menge an Energie. Selbst wenn alle Autos komplett elektrisch angetrieben würden, würde sich der deutsche Stromverbrauch insgesamt nur um 16 Prozent erhöhen. Es gehe vielmehr darum, Lastspitzen zu vermeiden. "Während der Tagesschau gibt es ja heute schon eine Spitze im Verbrauch." Die Zahl der Ladevorgänge müsse daher intelligent verteilt werden, betonte auch Müller. Die Investitionen zur Ertüchtigung der Netze bezifferte sie auf rund eine Milliarde Euro pro Jahr. Der Eon-Konzern äußerte sich ähnlich.

rei mit afp

© manager magazin 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH