Donnerstag, 21. März 2019

Energiekonzerne "Stress im System"

Windräder in Brandenburg: Die traditionellen Geschäfte rentieren sich nicht mehr, und die Konzerne nehmen nur in geringem Maße am Neugeschäft teil

BCG-Energieexperte Philipp Gerbert deckt die Schwächen der Energiewende auf. Die Branche stehe vor einer grundlegenden Umgestaltung: inklusive Konsolidierung und Eigentümerwechseln.

mm: Herr Gerbert, das manager magazin beschreibt in seiner neuen Ausgabe die dramatische Lage der deutschen Stromkonzerne. Welche Folgen hat die Energiewende aus Ihrer Sicht für die Branche?

Gerbert: Der Mechanismus liegt offen zu Tage und die ökonomischen Auswirkungen auf die Versorger sind fatal. Weil es noch keine effizienten, kostengünstigen Langfristspeicher gibt für Sonne oder Wind, brauchen wir zusätzlich zum System der erneuerbaren Energien die konventionelle Energieerzeugung über Kohle oder Gas als Back-up. Wir haben deshalb bei günstiger Witterung viel zu viel Erzeugungskapazität. Wegen vernachlässigbarer variabler Kosten der erneuerbaren Energien sinken die Großhandelspreise. Und die werden nach unserer Einschätzung bei 3 bis 4 Cents pro Kilowattstunde niedrig bleiben. Damit sinken die Einnahmen für alle Stromerzeuger. Weil die erneuerbaren immer zuerst laufen, arbeiten die fossilen immer seltener. Das ist dramatisch beim Erdgas, weil das die höchsten variablen Kosten hat, betrifft aber perspektivisch auch die Kohle. Der gesamte konventionelle Kraftwerkspark wird zunehmend unprofitabel; und das trifft jetzt ein Kraftwerk nach dem nächsten.

mm: Wie viel verdienen die traditionellen Energieerzeuger wie RWE Börsen-Chart zeigen oder Eon Börsen-Chart zeigen künftig noch?

Gerbert: Es ist ein doppelter Negativeffekt, der sich letztlich in den Bilanzen niederschlägt: Die Betreiber konventioneller Kraftwerke bekommen nicht nur weniger Geld, weil die Großhandelspreise sinken, sie bekommen es auch immer seltener, weil die Anlagen kaum noch laufen.

mm: Warum haben sich die Unternehmen nicht stärker auf das Geschäft mit erneuerbaren Energien verlegt?

Gerbert: Einige engagieren sich, aber vor allem im Ausland. In Deutschland hatten die großen vier Energiekonzerne 2012 erst 5 Prozent Anteil an erneuerbaren Kapazitäten. Die Überrenditen, die bisher hier zu Lande in diesen Formen der Stromerzeugung stecken, laufen an den Großen komplett vorbei. Sie haben das Thema unterschätzt, wollten aber auch bewusst nicht in regulierte Geschäftsbereiche zurück. Es wäre auch politisch nicht vermittelbar, würden die großen Energieversorger heute die ganzen Subventionen für Sonne oder Wind abgreifen. Also: Die traditionellen Geschäfte rentieren sich nicht mehr, und die Konzerne nehmen nur in geringem Maße am Neugeschäft teil. Das ist das Dilemma.

mm: Was hat die EEG-Reform bisher gebracht?

Gerbert: Sie hat zum einen klargestellt, welche Technologien sinnvoll sind und welche nicht. Das war ja zu Beginn völlig offen. Als Pionier gibt es nun mal für viele Themen keine Vorlage. Jetzt ist klar: Biomasse ist es nicht, Geothermie ebenfalls nicht. Wasser? So viel wie geht, aber das Potenzial ist begrenzt. Also konzentriert man sich sinnvollerweise auf Photovoltaik und Wind. Zweitens hat man verhindert, dass zu früh zu viel Geld in Offshore-Wind fließt, Überinvestitionen wurde eingedämmt. Drittens wurde verhindert, dass Besitzer von Photovoltaik-Anlagen, die den Strom selbst nutzen, über die Maßen profitieren. Größere Anlagen zum Eigenverbrauch müssen die EEG-Umlage zahlen, wie andere Stromverbraucher auch. Das ist nur gerecht. Und sie müssen irgendwann am Markt teilnehmen, wenn auch Details der Modelle noch völlig offen sind. Aber es geht in die richtige Richtung: Jeder, der eine Anlage zur Stromerzeugung angeschlossen hat, muss auch die Netzumlage zahlen, so funktioniert es in der Telekommunikation ja auch.

mm: Also sind bald die Kosten im Griff?

Gerbert: Die Kostendynamik wird jedenfalls gebremst. Wir rechnen damit, dass der Haushaltsstrompreis zwar weiter steigt, aber deutlich schwächer als in den vergangenen Jahren. Der Höhepunkt wird Anfang der 20er-Jahre sein. In 2023 könnte er bei 33 Cent pro Kilowattstunde liegen. Was mit den bisherigen EEG-Reformen allerdings nicht gelöst wurde, sind klare Rahmenbedingungen, die auch noch in zehn Jahren gelten können.

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