Donnerstag, 15. November 2018

Buchauszug "Das fossile Imperium schlägt zurück" Das Märchen von der Deindustrialisierung durch Ökostrom

Stahlarbeiter in Duisburg

Claudia Kemfert
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    Claudia Kemfert ist Expertin für Energie- und Klimaökonomie. Seit 2004 leitet sie die Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) Berlin und ist Professorin für Energieökonomie und Nachhaltigkeit an der Hertie School of Governance. Kemfert ist Mitglied im Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) und im Präsidium des Club of Rome. In der Politik hat Kemferts Stimme großes Gewicht. Vor zwei Landtagswahlen war sie als Regierungsmitglied im Gespräch: In Hessen 2013 für die SPD, in Nordrhein-Westfalen 2012 für die CDU. In beiden Fällen setzte sich aber die jeweils andere politische Seite durch.

Ganz unabhängig von den Kosten, die dem Verbraucher aufgebürdet werden, fürchtet auch die Industrie in Deutschland hohe Strompreise durch die erneuerbaren Energien. Damit einher geht die Angst vor wirtschaftlichen Auswirkungen auf das ganze Land: Die Energiewende treibe die deutschen Unternehmen ins Ausland, so die Befürchtung, und koste Deutschland seine internationale Wettbewerbsfähigkeit.

Wirtschaftswachstum, Arbeitsplätze und Wohlstand seien in Gefahr. Am Ende profitiere noch nicht einmal der Klimaschutz davon, wenn die Unternehmen statt in Deutschland künftig im Ausland mit Kohleenergie produzierten. Am härtesten träfe es dabei die Stahl- und Aluminiumbranche, heißt es. Doch nicht nur für die Metallindustrie, auch für Chemie- und Papierunternehmen, bei denen der Anteil der Strom- an den Gesamtkosten hoch ist, würde die Situation kritisch.

Die erneuerbaren Energien gelten daher in den Augen vieler als Wachstumsbremse, die die Zukunftsfähigkeit und den Industriestandort Deutschland gefährden. Aber könnte die Abkehr von den fossilen Energien am Ende tatsächlich zum Rückschritt in vorindustrielle Zeiten geraten?

Alle Zahlen und Prognosen sprechen eine andere Sprache. Deutschland steht im internationalen Vergleich der Volkswirtschaften hervorragender da dann je, wie der aktuelle Global Competitiveness Report zeigt. Das Weltwirtschaftsforum vergleicht darin die Wachstumschancen von 138 Volkswirtschaften weltweit.

Die Daten zur Infrastruktur, Gesundheit und Bildung, zur Wirtschaft, dem Arbeitsmarkteffizienz und zum technologischen Entwicklungsgrad werden jährlich analysiert und ausgewertet. Deutschland ist auf der globalen Rangliste seit Jahren immer unter den Top Ten zu finden: aktuell belegt Deutschland im Gesamtranking Platz 5.

Von einer De-Industrialisierung Deutschlands kann ganz offensichtlich keine Rede sein. Seitdem die Energiewende beschlossene Sache ist, hatte das offenbar keine negativen Folgen für das wirtschaftliche Wachstum. Die deutsche Wirtschaft verzeichnet einen Beschäftigungsrekord und wachsende Exportzahlen.

Auch eine Abwanderung der Unternehmen ist bislang nicht erfolgt, jedenfalls nicht aufgrund der Energiepreise: Wenn Unternehmen ins Ausland abwandern oder ihre Produktionsstandorte verlagern, liegt das in den allermeisten Fällen an den in Deutschland vergleichsweise hohen Sozialabgaben und Lohnkosten.

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