Montag, 30. Mai 2016

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Geplante Eigenstrom-Abgabe Industrie stoppt den Bau Hunderter Kraftwerke

Blockheizkraftwerk bei BMW in Leipzig: Der Bau der Anlagen verliert an Attraktivität

Der Staat will Strom aus neuen Industriekraftwerken mit der EEG-Umlage belasten - daher blasen zahlreiche Firmen ihre Neubauprojekte ab. Dabei könnten diese meist kleinen und mittelgroßen Anlagen zusammen die Atommeiler ersetzen und so die Energiewende rasant voranbringen.

Hamburg - Angesichts hoher Strompreise hatte der Holzmindener Industrieanlagen-Bauer Tesium eine Großinvestition geplant. Eine eigene Gasturbine sollte künftig einen Teil des Elektrizitätsbedarfs decken und dazu Prozessdampf für die Tochter des Duftstoffherstellers Symrise Börsen-Chart zeigen produzieren. Projektkosten: 20 Millionen Euro.

Doch nun liegt das Vorhaben auf Eis, denn die Bundesregierung will den Eigenstromverbrauch von Firmen künftig mit einer Abgabe in Höhe von 70 bis 90 Prozent der EEG-Umlage belegen. Für Tesium bedeutet das nach eigenen Angaben Mehrkosten von knapp 1,8 Millionen Euro. "Diese Belastung gefährdet die Wirtschaftlichkeit des Projektes in hohem Maße, so dass wir das Projekt unter diesen Voraussetzungen wahrcheinlich nicht ausführen werden", heißt es bei dem Unternehmen.

Tesium ist nur einer von Hunderten Betrieben, die ihre Pläne für eigenen Kraftwerke derzeit auf Eis gelegt haben. Insgesamt betrifft der Investitionsstopp in derzeit etwa 700 Blockheizkraftwerke und Gasturbinen im Wert von 1,3 Milliarden Euro und mit einer Leistung von 1,5 Gigawatt, wie eine Umfrage des Bundesverbands der Energie-Abnehmer (VEA) ergeben hat. Das entspricht der Kapazität eines großen Atomkraftwerkes.

"Tatsächlich dürfe der Wert noch weit höher liegen", sagt VEA-Geschäftsführer Volker Stuke gegenüber manager magazin online. Einerseits decke die Umfrage lediglich 20 Prozent der deutschen Industrieunternehmen ab. Zudem wären in den kommenden Jahren noch viele weitere Kraftwerksprojekte hinzugekommen, die wegen der neuen Abgabe nun kaum wirtschaftlich seien. "Diese Neuanlagen könnten die wegfallenden Atomkraftwerke komplett ersetzen", sagt Stuke. Hinzu kommen Solar- und Windkraftanlagen, deren Betrieb sich aufgrund der neuen Belastung nicht mehr lohnen würde.

"Es ist davon auszugehen, dass die auf Eigenverbrauch abzielenden Investitionen in erneuerbare Energien und Blockheizkraftwerke zurückgehen", sagt auch der Chefvolkswirt des Zentralverbands des deutschen Handwerks, Alexander Barthel, gegenüber manager magazin online. Dies sei auch volkswirtschaftlich unsinneg, weil Eigenverbrauch von Strom aus erneuerbaren Energien die Netze entlaste und einen Beitrag zur Netzstabilität leiste.

Das Alarmsignal aus der Wirtschaft kommt zu einem Zeitpunkt, da die Bundesregierung gerade über einem einem neuen Erneuerbare-Energien-Gesetz brütet. Zwar hat Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel zuletzt bereits Entgegenkommen für Betriebe signalisiert, die ihren Strom selbst erzeugen.

Tatsächlich sollen Firmen, die bereits über eigene Kraftwerke oder Solaranlagen verfügen, nicht belastet werden. Das geht aus der aktuellen Entwurfs-Fassung des EEG hervor, die manager magazin online vorliegt. Unklar ist aber weiterhin, ob und wer bei Neubauten um eine anteilige Zahlung der EEG-Umlage herumkommt.

Als Kandidaten gelten derzeit am ehesten große Stromverbraucher aus energieintensiven Branchen. "Damit wird die bestehende Ungleichbehandlung von Großverbrauchern und gewerblichem Mittelstand fortgeschrieben", sagt ZDH-Mann Barthel.

Da die Großunternehmen in der Regel auch beim Stromkauf von außerhalb weitgehend befreit sind, haben sie zudem oft einen geringeren Anreiz ihren Strom selbst zu produzieren als mittelständische Industrieunternehmen - ein möglicher Motor der Energiewende droht daher abzusaufen.

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