Sonntag, 11. Dezember 2016

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Live-Ticker aus der Stromnetz-Schaltzentrale während der Sonnenfinsternis "Erneuerbare Energien haben Sofi-Stresstest bestanden"

Hält die Spannung? Wenn sich der Mond vor die Sonne schiebt, ist das der Ernstfall fürs Stromsystem (Aufnahme am 20. März im Südwesten Englands). Die Einspeisung aus Solarstrom sinkt rapide - und knallt ab 10.30 Uhr wieder nach oben

Härtetest bestanden: Die heutige partielle Sonnenfinsternis hat das Stromnetz vor bisher ungekannte Herausforderungen gestellt. Denn inzwischen speisen in Deutschland 1,4 Millionen Solaranlagen Strom ein - bei voller Sonne so viel wie bis zu 39 Atomkraftwerke.

Normalerweise ist das kein Problem, denn Stromnetzbetreiber und Energiekonzerne können die Leistung der anderen Kraftwerke anpassen. Doch bei der heutigen Sonnenfinsternis brach der Solarstrom um ein Vielfaches schneller weg als beim Sonnenuntergang oder durch Wolken. Und danach ging es mit der Solarstrom-Einspeisung umso steiler wieder nach oben.

Lesen Sie im Live-Ticker von manager magazin Online, wie die Mitarbeiter des Stromnetzbetreibers Tennet mit der außergewöhnlichen Situation am Freitag Vormittag umgegangen sind. Aus der Tennet-Schaltleitung bei Hannover berichtet mm-Reporter Nils-Viktor Sorge live.

12.45 Uhr: Beenden wir den Liveticker mit einem Auszug aus der New York Times: "Solar eclipses were once thought to be a sign of divine anger." Eine Sonnenfinsternis als Zeichen göttlichen Ärgers? Wir haben Gott (@thetweetofgod)) mal sicherheitshalber via Twitter (@nilsviktorsorge) gefragt, was er von der Energiewende hält. Sobald eine Antwort kommt, sagen wir Bescheid. Bis dann und tschüss!

12.30 Uhr: Nun hat Tennet noch kurz den eigentlichen Sofi-Warroom für Journalisten geöffnet. Wirklich dicke Luft da drinnen. Von den Mettbrötchen sind noch einige übrig - die Hände eben immer an der Maus, der Blick auf die gigantischen Bildschirme gerichtet. In doppelter Besetzung haben die Tennet-Mitarbeiter hier eine Extremsituation im Stromnetz gemeistert. Tennet-Chef Keussen sagt, die etwa zwölf Kollegen seien erleichtert. Sie selbst dürfen nicht mit Journalisten sprechen - die Arbeit geht ja weiter. Statt Sekt gibt es also einen Kaffee.

12.15 Uhr: Noch ein Blick in die Zukunft: Eine extreme Herausforderung werden künftig Orkane für das Stromnetz sein. Bei hohen Windstärken gehen Offshore-Windparks von einem auf den anderen Augenblick vom Netz. Passiert das, wenn viele Parks fertiggebaut sind, stresst das das System noch stärker als die heutige Sonnenfinsternis. Tennet will das Problem über Preisanreize regeln: Windparkanbieter sollen Anreize bekommen, an extrem stürmischen Tagen die Rotoren gar nicht ans Netz gehen.

12.10 Uhr: Insgesamt taxiert Tennet die Kosten für alle Sondermaßnahmen des Tages in Deutschland auf einen einstelligen Millionenbetrag.

12.00 Uhr: Die Tennet-Mitarbeiter haben heute sogar Industriebetriebe angewiesen, ihren Strombedarf zu reduzieren. Dies wäre laut Netzchef Hoffmann nicht zwingend notwendig gewesen. Die Mitarbeiter in der Schaltleitung wollten aber diese Option testen, um für die künftigen Herausforderungen im Netz gerüstet zu sein. Betroffen waren offenbar Metallschmelzen in Nordhein-Westfalen. In solchen Fällen werden Unternehmen finanziell entschädigt.

11.55 Uhr: Tennet-Chef Urban Keussen stimmt der Verlauf des heutigen Tages optimistisch: "Ich sehe kein technisches K.O.-Kriterium für den weiteren Ausbau der erneuerbaren Energien in Deutschland. Es gibt kein physikalisches Gesetz, das dem entgegensteht." Allerdings seien zahlreiche Anpassungen des Systems nötig. Keussen fordert etwa, dass sich die erneuerbaren Energien künftig stärker an der Stabilisierung des Netzes beteiligen.

11.45 Uhr: Stress gibt es bei einer Leitung zwischen Tschechien und Österreich. Dort will offenbar mehr Strom nach Süden als möglich. "Emergency condition", heißt es auf dem Monitor. Lapidarer Kommentar von Tennet-Chef Urban Keussen: "Da müssen die sich dort drum kümmern." Durch Tschechien wird immer wieder deutscher Ökostrom hindurchgeleitet, der Nachbarstaat ist darüber laut zahlreichen Berichten nicht glücklich. In der Alpenrepublik spricht man gar vom "Stromkrieg".

Spannung im Netz - und in der Schaltzentrale: Laut Tennet-Netzchef Peter Hoffmann (rechts) muss die Frequenz bei 50 Hertz liegen, damit es keine Probleme gibt. Da die Solarstrom-Einspeisung inzwischen wieder drastisch ansteigt, muss der Netzbetreiber die Schwankungen ausgleichen
manager magazin online
Spannung im Netz - und in der Schaltzentrale: Laut Tennet-Netzchef Peter Hoffmann (rechts) muss die Frequenz bei 50 Hertz liegen, damit es keine Probleme gibt. Da die Solarstrom-Einspeisung inzwischen wieder drastisch ansteigt, muss der Netzbetreiber die Schwankungen ausgleichen
11.40 Uhr: Und weiterhin fließt wesentlich weniger Solarstrom ins Netz als erwartet - der Unterschied liegt bei vier Gigawatt: 17 statt 21 Gigawatt. Als Ursache wird hier Nebel in Bayern heiß gehandelt. Die Diskrepanz werten die Tennet-Leute als zusätzliche Herausforderung. Zur Abwechslung sehen Sie unten ein Video der Sonnenfinsternis von Spitzbergen aus gesehen:

11.35 Uhr: Tennet-Netzchef Peter Hoffmann zieht ein erstes, positives Zwischenfazit: Die Notfallmaßnahmen hätten sich bewährt. Auch das Wort "feiern" ist hier schon gefallen. Aber die Sache ist noch nicht zu Ende - erst gegen 12 Uhr läuft das Stromsystem wieder im Normalzustand.

11.25 Uhr: Zuletzt ist die Solarstrommenge deutlich langsamer angestiegen als erwartet: Sie lag um 11.15 Uhr bei 14 statt 17 Gigawatt. Beruhigend ist immer der Blick auf die Frequenzanzeige: Die ist zwar kurzzeitig etwas nach oben geschossen, ist mit 50.02 Hertz aber im grünen Bereich. Ab 50,2 Hertz würde es kritisch.

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