Sonntag, 29. Mai 2016

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Billigstromanbieter Die nächste Pleite kommt bestimmt

Insolventer Strom-Discounter Flexstrom: Geschäftsmodell unter Druck

Erst Teldafax, dann Flexstrom und nun Flexgas: Kenner der Szene überrascht der Niedergang der Billiganbieter nicht. Denn das preisaggressive Geschäftsmodell der Discounter hat keine wirtschaftliche Basis. Bleibt in der Branche alles beim Alten, sind weitere Pleiten nur eine Frage der Zeit.

Hamburg - Es ist selten, dass so viele Menschen von einer Pleite betroffen sind. Knapp eine halbe Million Kunden hat der seit einigen Tagen insolvente Berliner Billigstromanbieter Flexstrom bundesweit. Fast so viele wie die vor anderthalb Jahren in die Pleite geschlitterte Billigheimer Teldafax aus Troisdorf bei Bonn.

Am Donnerstag folgte nun auch Flexstroms Tochterunternehmen, der Gasanbieter Flexgas, der Mutter in die Pleite. Der ausländische Investor, der Flexgas übernommen habe, sei vom Kaufvertrag zurückgetreten. Angekündigte Zahlungen seien nicht zur Verfügung gestellt worden.

Dass der Niedergang mit dem Geschäftsmodell zu tun haben könnte, bestritt die Flexstrom-Führung bis zuletzt. Folgt man ihrer Argumentation, war die Insolvenz vielmehr eine Folge der "schädigenden Berichterstattung" der Medien und der "schlechten Zahlungsmoral zahlreicher Stromkunden".

Folgt man indes der Ansicht von Experten, ist das nicht die ganze Wahrheit. "Sobald die Discounter nicht mehr wachsen, ist das Geschäftsmodell gefährdet", sagt Volker Lang, Energiemarktexperte bei A. T. Kearney. Nur die Vorauszahlungen gewährleisteten kurzfristig die Liquidität solcher Anbieter von Billigstrom und Billiggas. Von einer langfristig tragbaren Wirtschaftlichkeit könne bei vielen Anbietern angesichts des preisaggressiven Vorgehens keine Rede sein.

Negative Rohmargen gehören zum "Geschäftsmodell"

Wie etwa die Stromdiscounter kalkulieren, veranschaulichten Lang und seine Kollegen anhand eines Haushalts mit einem Jahresverbrauch von 3500 Kilowattstunden. Das Ergebnis: Die Billiganbieter rechnen im ersten Jahr im Schnitt mit einem Endkundenpreis von 835 Euro, wobei nach Bonuszahlungen, Steuern und Abgaben, Netzentgelten und Strombeschaffungskosten ein Verlust von 145 bis 175 Euro in den Büchern steht. "Und da sind bei marktüblichen Energiebeschaffungskosten die Aufwendungen für Abrechnungen und Call-Center noch nicht einmal berücksichtigt", sagt Lang.

Auch andere Experten sind angesichts solcher Kalkulationen skeptisch. "Grundsätzlich ist es zwar vorstellbar, ein Discounter-Geschäftsmodell zu entwickeln, das auch in einem preistransparenten Markt aufgrund besonders effizienter Kostenstrukturen funktioniert", sagt Christian Growitsch, Leiter des Energiewirtschaftlichen Instituts an der Universität zu Köln. Der Spielraum sei allerdings begrenzt.

So enthielten Haushaltsstrompreise zu einem maßgeblichen Teil vom Stromversorger nicht beeinflussbare Elemente wie Netzentgelte, Steuern und Abgaben. Der wettbewerbliche Teil des Strompreises, bei dem tatsächlich Kosten eingespart werden könnten, sei daher gering. "Außerdem spricht ein solches Geschäftsmodell die besonders preissensitive Kunden an, die bei günstigeren Preisen schnell wechselbereit sind", sagt Growitsch.

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