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25.02.2013
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Klimaschutz bizarr
Der total verrückte CO2-Markt

Von Arvid Kaiser

Kohlekraftwerk in Brandenburg: Anreiz für mehr CO 2 -Emissionen
DPA

Kohlekraftwerk in Brandenburg: Anreiz für mehr CO2-Emissionen

In Europas Handel mit CO2-Emissionsrechten läuft nichts wie gewollt: Kohlekraftwerke boomen, Industriekonzerne kassieren Extragewinne, dem Bund fehlen Milliarden für seinen Klimafonds. Der Markt ist kaputt - und sogar Stromriesen fordern eine radikale Reform.

Hamburg - Auf der offiziellen Homepage ist die Europäische Kommission noch stolz auf ihre Vorreiterrolle im Klimaschutz. Weltweit werde das System kopiert, der Industrie eine begrenzte Zahl von Gutschriften für den Ausstoß klimaschädlicher Gase wie Kohlendioxid (CO2) zu gewähren und sie dann diese Zertifikate handeln zu lassen. "Im Gegensatz zu traditioneller Regulierung per Verordnung, erweckt der Emissionshandel Marktkräfte, um den günstigsten Weg zum Abbau von Emissionen zu finden", lobt die Behörde ihren marktwirtschaftlichen Geist.

In Wahrheit hat die EU längst zugegeben, dass der von ihr geschaffene Markt einem "heillosen Durcheinander" gleicht, wie es die Marktanalysten der britischen Bank Barclays beschreiben. Als Ergebnis eines gewaltigen Überangebots sind die Preise der Zertifikate auf historische Tiefs gefallen. Das Recht, eine Tonne CO2 in die Luft zu blasen, kostet aktuell rund fünf Euro; zum Teil auf EU-Emissionen anrechenbare Zertifikate der Uno ("Offsets") kosten sogar nur 35 Cent.

Einen Anreiz zum Einsparen von Emissionen gibt der Markt so nicht. "Mit den geltenden Regeln wird der Emissionshandel bis 2045 nicht funktionieren", unkt der Analyst Per Lekander von der Schweizer UBS, "daher sind die Zertifikate wertlos." Anders Nordeng vom Analysehaus Point Carbon in Oslo warnt vor der Aussicht, "dass die Preise in Europa immer weiter gegen Null gehen, wenn keine neue Quelle der Nachfrage von außerhalb kommt".

Dass die Preise überhaupt noch über Null liegen, "erklärt sich nur noch mit Spekulation", urteilt Felix Christian Matthes, Forschungskoordinator für Energie- und Klimapolitik am Öko-Institut in Berlin. "Nur Knappheit erzeugt einen Preis", CO2-Zertifikate gebe es aber im Überfluss.

Große Stahlkonzerne sind für den Rest des Jahrzehnts überversorgt

Die Deutsche Bank Chart zeigen hat sich bereits aus dem Geschäft verabschiedet - nicht nur wegen des Betrugsskandals um ein Umsatzsteuerkarussell mit CO2-Zertifikaten. Auch andere Market Maker geben es auf, Angebot und Nachfrage zusammenzubringen. Der Hamburger Energiehändler Marquard & Bahls schließt seine CO2-Sparte in Rotterdam. "Wir können kein Team betreiben, wenn die Preise so niedrig sind und die Liquidität im Markt fehlt", erklärt Geschäftsführer Daniel Weisser.

Unmittelbare Folgen hat der Preisverfall für die Staaten, die mit wachsenden Einnahmen aus der Versteigerung gerechnet hatten - zumal mit dem Jahreswechsel eine bis 2020 reichende neue Handelsperiode begann, in der Schluss mit dem Verschenken der Zertifikate sein soll. Stromversorger bekommen keine neuen Zertifikate mehr umsonst, die größten Emittenten in der Industrie nur noch einen Teil ihres Bedarfs.

Dumm nur, dass der Bedarf wie auch der für die Vorperiode allzu großzügig bemessen und vor der Wirtschaftskrise festgelegt wurde - und zugleich der Markt mit billigen "Offsets" vor allem aus der Ukraine und Russland geflutet wurde. Laut einer neuen Studie der Umweltgruppe BUND und der britischen Klimaschutzgruppe Sandbag haben einige der planmäßig größten Emittenten von Klimagasen in Deutschland mehr als genug Zertifikate, um ihren Bedarf für das gesamte Jahrzehnt zu decken, darunter die Stahlkonzerne ArcelorMittal Chart zeigen und Salzgitter Chart zeigen oder Hestya, der Besitzer der geschlossenen Wilhelmshavener Ölraffinerie.

ArcelorMittal verbuchte trotz niedriger Preise allein im vierten Quartal 2012 einen Extragewinn von 220 Millionen Dollar (170 Millionen Euro) aus dem Verkauf der kostenlos zugeteilten Gutschriften. Insgesamt beläuft sich die Subvention der europäischen Industrie mit überschüssigen Zertifikaten laut der London School of Economics auf 6,5 Milliarden Euro jährlich.

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