Sonntag, 26. Juni 2016

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Stromtrassenbauer Tennet "Ohne Haftungsregeln keine Investoren"

Hochsee-Windpark Bard 1: Die Konverterplattform ist fertig, doch erst ein Viertel der geplanten Windräder liefern Strom
Ingo Wagner / DPA
Hochsee-Windpark Bard 1: Die Konverterplattform ist fertig, doch erst ein Viertel der geplanten Windräder liefern Strom

Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner will neue Haftungsregelungen für Offshore-Windparks blockieren. Lex Hartman, Deutschland-Chef des Stromnetzbetreibers Tennet, warnt vor weiteren Verzögerungen beim Bau von Hochsee-Stromleitungen - und höheren Kosten für Stromkunden.

mm: Herr Hartman, Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner legt sich gegen geplante Haftungsregeln bei Hochsee-Windparks quer. Diese sehen vor, dass Stromkunden einen Großteil des Schadenersatzes übernehmen , wenn die Stromtrassen zu den Windrädern im Meer ausfallen. Welche Konsequenzen hat das für ihre Pläne, private Investoren an den Anschlüssen von Windparks in der Nord- und Ostsee zu beteiligen?

Hartman: Wenn wir keine Haftungsregelungen bekommen, dann werden auch keine Investoren einsteigen. Oder die Bundesnetzagentur müsste die Rendite von derzeit 9,05 Prozent deutlich erhöhen. Finanzinvestoren akzeptieren eine in ihren Augen so niedrige Rendite nur, wenn das Risiko ähnlich gering ist wie bei Stromleitungen an Land. Das ist bei dem von der Netzagentur vorgegebenen System aber nicht der Fall.

mm: Weshalb?

Hartman: Für Leitungen an Land gibt es immer eine Ersatzleitung. Bei Netzanbindungen von Offshore-Windparks dürfen wir nur ein Kabel verlegen. Das ist aus Kosten- und Effizienzgründen so vorgegeben. Solche Verbindungen fallen aber manchmal aus, ihre Verfügbarkeit liegt bei etwa 95 Prozent. Das lehrt die Erfahrung. Da ist ein Ausfall kein Risiko mehr, sondern sehr wahrscheinlich. Wenn wir Offshore-Leitungen wie an Land bauen und doppelt verlegen, sind aber die Kosten doppelt so hoch. Die Konsequenz wäre, dass letztendlich die Rechnung für Stromkunden noch höher wäre.

mm: Rückt eine Lösung im Streit um den schleppenden Ausbau der Offshore-Anbindungen nun in weite Ferne?

Hartman: Wenn als Folge von Frau Aigners Einwänden keine Entscheidung getroffen wird, dann verzögert sich die Energiewende. Windparkentwickler, potenzielle Investoren und wir brauchen diese Systemänderung bei den Haftungsfragen. Offshore-Verbindungen können ausfallen. Windparkentwickler können die Ausfälle nicht zahlen, weil die Vergütungen für die Einspeisung dafür zu gering sind. Kein Investor ist bereit, bei jedem Anschluss jährlich ein paar hundert Millionen zu verlieren. Wenn wir Landverbindungen bauen, haften wir auch nicht für den Ausfall, obwohl diese Leitungen viel sicherer sind. Klare Haftungsregelungen sind notwendig, sonst kommen wir nicht weiter.

mm: Falls die Haftungsregelungen nicht beschlossen werden: Wie lange reicht ihr Geld noch, um die bislang vorgesehenen Stromanschlüsse von Offshore-Windparks zu finanzieren?

Hartman: Als Übertragungsnetzbetreiber sind wir für normale Situationen mit Kapital sehr gut ausgestattet. Die Banken geben uns ein A-Rating. Wir haben in den vergangenen zwei Jahren knapp sechs Milliarden Euro in die Energiewende investiert. Dabei lag der Wert von Tennet Deutschland damals bei knapp einer Milliarde Euro. Aber es werden noch sehr viel mehr Investitionen nötig sein - und das in kurzer Zeit.

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