Freitag, 22. September 2017

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Solarboom Die 52-Gigawatt-Frage

Verbraucher gesucht: Wie Deutschland der Stromschwemme Herr wird
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DDP

Wohin mit all dem Strom? Die Bundesregierung will erneuerbare Energien zügig ausbauen, obwohl das Solar- und Windstromangebot manchmal schon jetzt die Nachfrage übersteigt. Experten fahnden nach neuen Stromverbrauchern - und entwickeln dabei auch skurrile Ideen.

Hamburg - Den Wetterbericht lesen die Manager der Münchener Paulaner-Brauerei von je her ganz genau. Scheint in der warmen Jahreszeit die Sonne, zieht es die Leute in die Biergärten - schon steigen die Bestellmengen. Bei Regen sieht es in der Kasse trüb aus.

Mittlerweile spielt das Wetter für Paulaner noch eine weitere Rolle. Das Unternehmen passt Teile seines Produktionsprozesses an das unregelmäßige Stromaufkommen aus Solar- und Windkraft an - und verdient dabei Geld.

Bisher funktioniert das so: Wenn das Stromangebot bei plötzlicher Flaute und bedecktem Himmel fällt, schwächt die Brauerei die Leistung von Kühlanlagen um zwei Grad ab und schaltet die Tiefbrunnenpumpen aus. So entlastet Paulaner den Netzbetreiber für einige Stunden um ein paar Hundert Kilowatt. "Das ist für uns kein Problem", sagt der Umweltbeauftrage des Unternehmens, Johannes Fischer. Der Produktionsprozess werde nicht beeinträchtigt. Und die Flexibilität lässt Paulaner sich vergüten.

Energieexperten hoffen, dass das Pilotprojekt Schule macht - und zwar zunehmend auch andersherum. Denn die rasant wachsende Zahl von Wind- und vor allem Solaranlagen beschert dem deutschen Stromnetz an manchen Wochenenden bereits mehr Elektrizität als benötigt wird. Dann sinkt der Börsenstrompreis mitunter bis in den negativen Bereich. Angesichts eines geplanten, raschen Solarzubaus auf mindestens 52 Gigawatt (aktuell knapp 30 Gigawatt) wird es diesen Fall künftig häufiger geben.

Netzbetreiber müssen abregeln

Bisher sehen sich Netzbetreiber dem Überangebot oft hilflos ausgeliefert. So musste 50Hertz im ersten Halbjahr 2012 in Ostdeutschland an 48 Tagen vor allem Windkraftanlagen abregeln. Knapp 100.000 Megawattstunden Strom im Wert von mehreren Millionen Euro wurden praktisch vergeudet. Im gesamten Jahr 2011 war so etwas nur an 46 Tagen nötig.

"Künftig wird man den Strom wohl häufiger 'wegwerfen' müssen", sagt der Stromnetzforscher Christoph Mayer von der Universität Oldenburg mit Blick auf die nähere Zukunft. Prinzipiell sei das nicht schlimm. Dass der Strom dennoch vergütet werde, sieht Mayer aber als "Fehler im System".

Angesichts des rasanten Tempos, mit dem die erneuerbaren Energien sich gerade zur wichtigsten Stromquelle in Deutschland aufschwingen, drängt die Zeit. Schon jetzt beträgt der Anteil von Wind, Sonne und Co. laut dem Bundesverbande der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) etwa 25 Prozent an der Stromerzeugung, Tendenz steigend. An sonnigen Frühlingstagen liefern allein die Solarkraftwerke so viel Strom wie 20 Atommeiler.

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