Donnerstag, 28. Juli 2016

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Ausbau kostet Milliarden Engpässe im Gasnetz erhöhen Blackout-Gefahr

Am Limit: Das deutsche Gasnetz ist für die Energiewende schlecht gerüstet

Das deutsche Gasnetz ist für Extremsituationen schlecht gerüstet. Im kalten Februar mussten deshalb Kraftwerke vom Netz. Die Energiewende und intensiverer Handel werden die Pipelines künftig noch stärker belasten - doch ein Finanzierungskonzept für den milliardenteuren Ausbau fehlt.

Hamburg - Wenn es um die Energiewende geht, sind fast alle Experten einig: Das Stromnetz muss drastisch ausgebaut werden. "Da liegt unsere Schwachstelle, und deshalb hat der Netzausbau auch die absolute Priorität", ist beispielsweise Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) überzeugt. Insbesondere müsse Strom von den Windkraftanlagen im Norden zu den Industriezentren des Südens transportiert werden.

Mit dem Ausbau des Stromnetzes ist es aber offenbar bei weitem nicht getan. Als weiterer Flaschenhals der Energiewende erweist sich zunehmend das deutsche Gasnetz. Nach Ansicht von Bundesnetzagentur und Netzbetreibern sind Hunderte Kilometer neue Leitungen vonnöten um zusätzliche und veränderte Ströme abzuwickeln - beispielsweise für weitere Gaskraftwerke.

Auf Fachebene ist das Problem erkannt. Im Entwurf für den ersten Netzentwicklungsplan Gas ist von 1840 Kilometer neuen Leitungen bis zum Jahr 2022 die Rede, Kostenpunkt: 2,2 Milliarden Euro. Ein anderes Szenario, das einen höherem Gasbedarf unterstellt, setzt die Kosten sogar mit 4,6 Milliarden Euro an. Der kleine Schönheitsfehler: Bezahlen möchte den Ausbau niemand so recht - den Netzbetreibern erscheinen die Investitionen nicht attraktiv genug.

Welche Folgen ein fortgesetzter Ausbaustopp haben könnte, zeigt sich schon heute. Im extrem kalten Februar konnten mehrere Gaskraftwerke keinen Strom erzeugen, weil der Nachschub ausblieb. Aus Russland traf weniger Brennstoff ein, die Privathaushalte verbrauchten mehr als sonst und die verstopften Leitungen ließen kein Gas aus Speichern mehr durch. So machten die Ferngasnetzbetreiber von ihrem Recht Gebrauch, "nicht schützenswerte Kunden" von der Versorgung abzuschneiden - vornehmlich Gaskraftwerke.

"Nicht schützenswerte Kunden" vom Nachschub abgeschnitten

"Die Lieferprobleme im Februar haben Engpässe aufgedeckt", sagt der Geschäftsführer des Ferngasnetzbetreibers Gascade, Christoph von dem Bussche, gegenüber manager magazin Online. Fehlende Transportkapazitäten hätten die Belieferung Süddeutschlands aus dem Norden Deutschlands verhindert. "Händler berichten, dass selbst Gas, das aus einem Speicher an der deutsch österreichischen Grenze zur Versorgung hätte dienen können, wegen Engpässen nicht in das deutsche Netz gelassen wurde."

Zu einem Blackout in der Stromversorgung kam es zwar nicht, denn Kraftwerke der stillen Reserve in Süddeutschland und Österreich sprangen ein. Doch die gesamte Branche ist seither alarmiert. "Das hat uns getroffen und war unerfreulich", sagt der Geschäftsführer des Versorgers Statkraft Markets, Jürgen Tzschoppe, gegenüber manager magazin online.

Ein zügiger Ausbau der Netze ist trotzdem nicht in Sicht. "Viele Investoren halten das Risiko-Ertrags-Verhältnis für unausgewogen", sagt Gascade-Chef von dem Bussche. "Als Netzbetreiber habe ich Probleme, Investoren für Ausbaumaßnahmen zu finden."

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