Freitag, 16. November 2018

Tennet-Chef zur Blackout-Gefahr "Im Netz darf nichts Unvorhergesehenes passieren"

Netz am Limit: Im Winter ist die Stromnachfrage besonders hoch

2. Teil: "Zustand permanenter Angespanntheit"

mm: Haben Sie denn bereits Großverbraucher aus der Industrie gebeten oder gar angewiesen, ihren Verbrauch zu drosseln?

Fuchs: Nein. Das wäre das allerletzte Mittel, um die Netzsicherheit zu gewährleisten.

mm: Großverbraucher wie der Aluminiumhersteller Norsk Hydro haben sich über kurzzeitige Netz- und Spannungsschwankungen beschwert, die seit Beginn der Energiewende vermehrt aufgetreten seien. Haben sich diese Klagen gehäuft?

Fuchs: In unserem Versorgungsgebiet ist mir von derartigen Beschwerden mit Hinweis auf die Energiewende nichts bekannt. Kurze Spannungsschwankungen im Millisekundenbereich gibt es immer mal wieder, beispielsweise aufgrund von Blitzeinschlägen. Das Fehlen von Kernkraftwerken oder die wachsende Leistung der erneuerbaren Energien kann hier nicht die Ursache sein.

mm: Am rasantesten wächst in Deutschland die Solarenergie. Was trägt sie denn momentan dazu bei, die Versorgung zu sichern?

Fuchs: Mittags speisen die Anlagen in unserem Netzgebiet zurzeit mit einer Leistung von etwa 5000 Megawatt ein. Das dämpft den zuletzt starken Anstieg des Strompreises an der Börse. Während der Spitzenlast in den frühen Abendstunden fällt die Fotovoltaik jedoch naturgemäß aus. Immerhin kann die Leistung mancher Speicherkraftwerke am Mittag zugunsten der frühen Abendstunden gedrosselt werden.

mm: Wie wird das Stromnetz im Frühling und im Sommer mit der den zu erwartenden massiven Solarstromeinspeisungen fertig?

Fuchs: Es wird in Deutschland an einigen sonnigen Tagen wohl ein massives Überangebot an Strommengen geben, die wir im Stromnetz nicht gebrauchen können. Die Börsenpreise können dann deutlich sinken und eventuell in den negativen Bereich gehen. Ausländische Versorger werden dann wohl bis zur Belastungsgrenze der Kuppelstellen bei uns einkaufen. Generell ist das Netz im Sommer aber leichter stabil zu halten als im Winter, weil die hohe Nachfrage in den frühen Abendstunden nicht gegeben ist. In den kommenden Jahren wird die große Strommenge aus erneuerbaren Energien aber zu einem immer stärkeren Problem, wenn wir die Netze nicht zügig ausbauen.

mm: Welche Schlüsse ziehen Sie bisher aus den bisherigen Erfahrungen mit der Energiewende in diesem Winter - wird Ihnen eher mulmig oder wächst die Zuversicht?

Fuchs: Wir befinden uns in einem Zustand permanenter Angespanntheit. Das Risiko von Stromausfällen ist gewachsen, immer häufiger darf im Netz nichts Unvorhergesehenes mehr passieren. Es gibt weniger Handlungsspielraum, und es sind deutlich mehr Eingriffe in das System nötig als früher. Noch ist die Lage beherrschbar, aber die Betonung liegt auf "noch".

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