Sonntag, 22. Oktober 2017

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US-Energiepolitik Deutsche Energiefirmen wagen den Hoffnungslauf

Traumziel Amerika: Welche deutschen Energiefirmen auf den Erfolg in den USA wetten
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Siemens

Riskante Wette auf Amerikas Wandlungswillen: Dutzende deutsche Windkraft- und Solarfirmen haben in den USA Werke hochgezogen, angelockt von dem riesigen Markt und der Hoffnung auf die Wende in der US-Energiepolitik. Doch obwohl das Geschäft bereits stockt, satteln die Firmen weiter drauf. 

Fort Madison - Siemens ist schuld daran, dass Jim Jones die Metropole Houston, Texas, verließ und in die tiefste Provinz zog, genauer gesagt, in die Kleinstadt Fort Madison im Mittleren Westen. Rund 11.000 Einwohner, ein Mississippidampfer, ein Aldi und ein Zigarrenladen, der nebenher Waffen verkauft und Bier ausschenkt. Der Bezirk hatte bis vor kurzem die höchste Arbeitslosenquote in Iowa, ein Betrieb nach dem anderen hatte dichtgemacht. Doch nun gibt es wieder einen großen Arbeitgeber: Siemens eben.

Jones, ein stämmiger Mittfünfziger, leitet die große Rotorenfabrik, in der pro Jahr bis zu 2200 Blätter für Windturbinen hergestellt werden. Wie träge Wale liegen die 49 Meter langen, sanft geschwungenen weißen Flügel auf dem staubigen Hof des Werksgeländes. "Wir tun hier das Richtige für unser Land", sagt Jones mit dem Pathos, der vielen Amerikanern eigen ist.

Fort Madison ist Siemens Börsen-Chart zeigen grünes Vorzeigeprojekt in den USA. Über 70 Millionen Dollar hat der Konzern in der strukturschwachen Region investiert, mehr als 700 Leute eingestellt und aufwendig geschult, zwei Drittel von ihnen waren zuvor arbeitslos. Selbst Präsident Barack Obama besuchte das Werk. Trotzdem ist Jones schmallippig, wenn die Rede auf die nächsten zwei, drei Jahre kommt. "Stabil" sei das Geschäft. Mehr nicht.

Wie Siemens haben in den vergangenen Jahren dutzende von deutschen Windkraft- und Solarunternehmen in den Vereinigten Staaten Produktionsstätten aufgezogen, angelockt von Steuervergünstigungen, einem riesigen Markt und der Hoffnung auf eine Wende in der amerikanischen Energiepolitik. Langfristig mag die Strategie aufgehen - doch vorerst ist vieles schwieriger als gedacht.

Riesensubventionen laufen aus

Die Preise der Konkurrenzenergie Erdgas sind gefallen, vielerorts fehlt es an Infrastruktur und politischer Rückendeckung für Renewables. "In den USA gibt es größte Unsicherheit bezüglich der künftigen Regulierung; die Politik konzentriert sich nicht genug auf erneuerbare Energien", kritisiert die Vereinigung World Wind Association in ihrem Energiereport 2010. Die Unternehmen brauchen einen langen Atem.

Gegenwärtig liegt der Marktanteil von Windenergie in Amerika zwischen ein und 2 Prozent, der von Solarenergie noch weit darunter. Zwar werden beständig neue Kapazitäten aufgebaut, jedoch mit großen Schwankungen: 2009 wurden Turbinen mit einer Leistung von rund zehn Gigawatt installiert - 2010 nur noch die Hälfte.

Ein Grund: Die großzügigen Direktzuschüsse von 30 Prozent, die Washington im Rahmen der Konjunkturförderung für neue Ökoenergieprojekte gewährt, laufen aus. Ob sie verlängert werden, klärt sich womöglich erst im Dezember. Fachleute kritisieren die kurzlebige Subventionspolitik: "Wir erzeugen Boom-and-Bust-Zyklen", sagt John Sheehan, wissenschaftlicher Direktor der Umweltinitiative Iree an der University of Minnesota in St. Paul, "die Branche braucht mehr Planungssicherheit."

Damit spricht der Experte vielen Unternehmen aus dem Herzen. Etwa der Rostocker Nordex Börsen-Chart zeigen, die in Jonesboro (Arkansas) ein Turbinenwerk baut. Seit Ende 2010 werden dort Triebwerksgondeln produziert, die Auslastung des Werks liegt vorerst bei mageren 40 Prozent. Den Aufbau einer weiteren Produktionslinie für Rotorblätter hat das Unternehmen zurückgestellt. "Es ist zurzeit schwer, Kunden zu gewinnen, die Windfarmen aufbauen möchten", sagt Investor-Relations-Manager Ralf Peters. Auch hier lähmt Unsicherheit die Branche: Produktionssubventionen sind bis 2012 befristet - Windräder aber laufen 20 Jahre und mehr.

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