Sonntag, 16. Dezember 2018

Kopenhagen "Der Klimagipfel braucht eine andere Tagesordnung"

Emissionshandel ist bürokratisch und wirtschaftsfeindlich, erklärt Solarvordenker Hermann Scheer. Dennoch wird auf UN-Klimagipfeln hauptsächlich darüber gesprochen, auch jetzt in Kopenhagen. Im Interview mit manager-magazin.de sagt Scheer, welche Maßnahmen vielversprechender wären.

mm.de: Herr Scheer, gerade hat der Weltklimagipfel in Kopenhagen begonnen. Was darf man von einer Konferenz erwarten, die bereits im Vorfeld so oft für tot erklärt wurde?

Hermann Scheer (SPD) ist Vorsitzender des Weltrats für Erneuerbare Energien und Präsident von Eurosolar. 1999 erhielt für sein Engagement zur Förderung der Sonnenenergie den Alternativen Nobelpreis.
Scheer: Das gehört ja zu dieser Art von Veranstaltungen dazu. Noch vor jeder Klimakonferenz in den vergangenen Jahren hat man zunächst riesige Erwartungen in der Öffentlichkeit aufgebaut, dann durch gezielte Ankündigungen den Eindruck zu erwecken versucht, das Treffen sei zum Scheitern verurteilt. Und am Ende wird ein Minimalkonsens als vergleichsweise großartiges Ergebnis verkauft.

mm.de: Warum ist das so?

Scheer: Es hat mit den Ausgangsbedingungen der Veranstaltung zu tun. Hier treffen die Vertreter von weit über 100 Staaten zusammen, um sich auf ein gemeinsames Programm für den Klimaschutz zu verständigen. Diese Länder sind aber höchst unterschiedlich: Industrienationen, Entwicklungsländer, Schwellenländer. Sie unterscheiden sich in Sozial- und Industriestrukturen, bei Rohstoffvorkommen und im technischen Reifegrad. Eine Lösung, die allen diesen Anforderungen gerecht wird, ist zwangsläufig ein Minimalkonsens.

mm.de: Das wird auch in Kopenhagen so sein?

Scheer: Die Erfahrung aus 15 Klimagipfeln lehrt uns: Ja. Das Schlimme daran ist, dass der Minimalkonsens, der üblicherweise gefunden wird, nicht das Minimum dessen beschreibt, was angesichts des Klimawandels notwendig wäre. Vielmehr hinkt er dem Notwendigen hinterher.

mm.de: Trotzdem wird er als Erfolg gefeiert ...

Klimagipfel Kopenhagen: Die Knackpunkte
Die internationale Staatengemeinschaft will sich vom 7. bis 18. Dezember in Kopenhagen auf ein neues Weltklimaabkommen einigen. Es wird das Kyoto-Protokoll ersetzen, das 2012 ausläuft. Es schreibt vor, dass die Industrieländer die Emissionen der wichtigsten Treibhausgase zwischen 2008 bis 2012 um durchschnittlich 5,2 Prozent unter das Niveau von 1990 senken. Doch die USA, bis vor Kurzem der größte Kohlendioxid (CO2)-Emittent, haben das Abkommen nie ratifiziert. Und China, heute größter Luftverschmutzer, bekam überhaupt keine verbindlichen Reduktionsziele vorgeschrieben, weil es damals noch als reines Entwicklungsland eingestuft wurde.
Die G8-Staaten haben sich grundsätzlich zu dem Ziel bekannt, den globalen Temperaturanstieg im Vergleich zum Beginn des Industriezeitalters auf zwei Grad Celsius zu begrenzen. Auch die Schwellenländer haben sich dem jetzt angeschlossen. Doch konkrete Vorgaben und Zusagen zur Finanzierung fehlen noch - deshalb könnte es beim bloßen Lippenbekenntnis bleiben.
Außer den USA und China sollen diesmal auch die anderen Schwellenländer wie Indien, Mexiko oder Brasilien ins Boot geholt werden. Insgesamt werden 192 Staaten nach Kopenhagen reisen. Doch auch die Entwicklungsländer sollen Verantwortung übernehmen und Wege festlegen, wie sie klimaschonendes Wirtschaftswachstum erreichen wollen. Der Westen ist dafür auch zu Finanz- und Technologietransfers bereit.
Europa - vor allem Deutschland - sieht sich gerne als Vorreiter im globalen Kampf gegen die Erderwärmung. In den globalen Verhandlungen tritt das Bündnis gemeinsam auf, vertreten von der EU-Kommission und der EU-Ratspräsidentschaft, derzeit Schweden. Die 27 EU-Staaten haben im Dezember in ihrem "EU-Klimapaket" beschlossen, bis 2020 den CO2-Ausstoß um ein Fünftel gegenüber 1990 zu senken. Jetzt fordert die EU von den anderen großen Verschmutzern ähnliche Bekenntnisse.

Doch während in der EU, aber auch in Russland, der CO2-Ausstoß von 1990 bis 2005 wegen des Zusammenbruchs der Ostblock-Schwerindustrien sowieso sank, stieg er im gleichen Zeitraum in den USA, Japan und anderen großen Industrienationen. Gemessen am derzeitigen Niveau müsste die EU ihren Ausstoß nur noch um zwölf Prozent senken. Besonders Japan fordert deshalb 2005 als Basisjahr und hat ein Reduktionsziel von 15 Prozent angeboten. Die USA wollen ihre Treibhausgase im gleichen Zeitraum um 17 Prozent reduzieren. Der Weltklimarat (IPCC) fordert Minderungen um 25 bis 40 Prozent bis 2020 gegenüber 1990.
Der Streit um das Basisjahr steht symptomatisch für das globale Ringen um die Lastenteilung. Die Entwicklungs- und Schwellenländer beharren auf der Schuld des Westens am Klimawandel und fordern ihre Rechte auf Wohlstand und Wirtschaftswachstum. Die Industrienationen sind bereit, der Dritten Welt zu helfen, wollen aber noch keine konkreten Zahlen auf den Tisch legen. Experten zufolge dürften bis 2020 mindestens hundert Milliarden Euro im Jahr fällig werden. Umstritten ist auch der Schlüssel, mit dem die Gelder auf die einzelnen Länder umgerechnet werden sollen.

Experten streiten zudem darüber, ob Technologien wie die CO2-Abscheidung und -Lagerung oder klimafreundliche Projekte in Entwicklungsländern angerechnet werden können, oder ob sie nicht vielmehr das Problem nur aufschieben und deshalb abzulehnen sind.
Gibt es in Kopenhagen keine Einigung, ist nicht alles verloren, aber es wird zeitlich eng: Bis 2012 muss eine neue Konvention ratifiziert sein, da dann das Kyoto-Protokoll ausläuft. Und sollte die Weltgemeinschaft nicht zusammenstehen, dürfte die Erderwärmung ungebremst weitergehen. Experten warnen, dass die Temperaturen noch in diesem Jahrhundert um mehr als sechs Grad steigen würden. Es drohen katastrophale Überschwemmungen wegen der Eisschmelze, Dürren, Stürme, Artensterben und Millionen "Klimaflüchtlinge". ssu/dpa

Scheer: ... der nicht ehrlich ist. Aber aus Sicht der Politiker ist das verständlich, denn sie wollen nicht als Versager heimkehren. Schlimmer finde ich etwas anderes: Weil der Minimalkonsens als Erfolg dargestellt wird, dient er bei späteren Verhandlungen als Messlatte. So werden die Erfolge einzelner Staaten bei der Reduktion von Treibhausgasen immer gemessen an einer Zielsetzung, die von Anfang nicht ambitioniert war.

mm.de: Wenn Sie Recht haben, darf man sich selbst über einen vordergründig erfolgreichen Klimagipfel nicht freuen.

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