Samstag, 25. März 2017

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Mobilität Das Elektroauto, der Entwicklungsplan und die Realität

Deutschland will zum Weltmarktführer für Elektroautos werden. Die Bundesregierung plant mit einem "nationalen Entwicklungsplan" im großen Stil Elektrofahrzeuge auf die Straßen zu bringen. Bis 2020 sollen eine Million Elektrofahrzeuge unterwegs sein. Experten halten das für "realitätsfern".

Berlin - "Unser Ziel ist es, Deutschland zum Leitmarkt für Elektromobilität zu machen", sagte Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg. Viele Experten und Umweltverbände äußerten sich dagegen skeptisch und warnten wie Audi-Chef Rupert Stadler vor übertriebenen Erwartungen.

Das Kabinett beschloss am Mittwoch, die Entwicklung von Elektroautos mit über 500 Millionen Euro zu unterstützen. Ob die ersten Käufer von Elektroautos wie diskutiert eine staatliche Prämie erhalten sollen, ließ die große Koalition offen - darüber soll die nächste Bundesregierung entscheiden.

Hersteller wie BMW sowie der Verband der Automobilindustrie (VDA) begrüßten den Plan. "Für den Innovationsstandort Deutschland ist die erfolgreiche Entwicklung der Elektromobilität von großer Bedeutung", erklärte VDA-Präsident Matthias Wissmann.

Batterien sind das Hauptproblem - Ziele "realitätsfern"

Viele Experten sprachen dagegen von einem Tropfen auf den heißen Stein. "Das ist schon hilfreich, aber man darf sich davon keinen Absatzschub erwarten wie von der Abwrackprämie", sagte Willi Diez, Leiter des Instituts für Automobilwirtschaft in Nürtingen. Für die Abwrackprämie stellt die Bundesregierung fünf Milliarden Euro zur Verfügung - rund zehn Mal so viel wie für die Entwicklung von Elektrofahrzeugen.

Stecker statt Einfüllstutzen: 500 Millionen Euro, um die Grundlagen für den Umstieg zu schaffen
Analysten gehen davon aus, dass Elektrofahrzeuge erst in vielen Jahren in Serie produziert werden. Probleme bereitet vor allem die Entwicklung leistungsstarker Batterien sowie der Preis - ein Elektroauto kostet Diez zufolge derzeit rund 15.000 Euro mehr als ein vergleichbarer Benziner.

Dass einer Umfrage zufolge jeder fünfte Deutsche mit dem Autokauf auf einen Wagen mit Elektroantrieb warten will, hält Diez deshalb für realitätsfern. "Da werden im Moment unrealistische Erwartungen geschürt."

Auch aus ökologischer Sicht warnt Diez vor zu viel Elektro-Euphorie. Wenn man die Herstellung und den Energiemix betrachte, schnitten Elektroautos nicht wesentlich besser ab als neuartige Benzin- und Dieselfahrzeuge. Der Verkehrsclub Deutschland (VCD) fordert deshalb, statt einer bestimmten Technologie generell den Bau spritsparender Modelle zu fördern.

Höhere Investitionen in Japan, China und den USA

Andere Experten warnten, Japan, China und die USA würden mehr in Elektromobilität investieren und Deutschland abhängen. Audi-Chef Rupert Stadler drückte am Mittwoch ebenfalls auf die Euphoriebremse. "In 20 Jahren wird es Elektroautos in Serie geben, doch dürfte ihr Anteil an der gesamten Fahrzeugflotte bei maximal fünf bis zehn Prozent liegen", sagte er im Interview mit der "Wiener Zeitung". Verantwortlich dafür sei die zu geringe Reichweite und der Preis.

"Elektroautos dürften in der ersten Marktphase für Privatkäufer kaum erschwinglich sein", erklärte Stadler. Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee rechnet damit, dass Elektroautos ab 2017 zur Normalität im Straßenbild werden. Derzeit testen Hersteller die Praxistauglich von Prototypen in zahlreichen Modellprojekte - unter anderem in Berlin, Bremen, Stuttgart und München.

Bei der technologischen Übergangslösung Hybrid - einer Mischung aus Elektro- und Verbrennungsmotor - hinken die deutschen Hersteller weit hinter ihren Rivalen aus Asien hinterher. Das Öko-Ranking des VCD dominieren die Hybridfahrzeuge von Toyota und Honda.

Moderne Batterien sind Voraussetzung dafür, dass die Autos nicht schon nach wenigen Kilometern wieder an der Steckdose aufgeladen werden müssen. Sie stellen derzeit eine der größten Hürden bei der Entwicklung dar und sind zudem extrem teuer. Tiefensee zufolge ist erst 2017 damit zu rechnen, dass Elektroautos zur Normalität im Straßenbild werden. In Japan hat sich deshalb erst vor wenigen Wochen eine Allianz großer Technologieunternehmen gebildet, um solche Batterien zu entwickeln.

manager-magazin.de mit Material von afp und reuters

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