Mittwoch, 25. Mai 2016

Alle Artikel und Hintergründe

Versorger braucht Überlebensstrategie Für RWE geht es um alles - Dax-Rauswurf droht

RWE-Tower in Essen: Der Energiekonzern braucht nicht nur einen neuen Aufsichtsratschef, sondern eine Überlebensstrategie

Personalstreit mitten im Überlebenskampf: Heute soll der RWE-Aufsichtsrat über die Nachfolge von Chefkontrolleur Manfred Schneider beraten. Die Kommunen haben Ex-Minister Werner Müller gegen den Ex-SAP-Finanzvorstand Werner Brandt ins Rennen geschickt. Doch für RWE geht es um viel mehr als um diese Personalie.

Beim taumelnden Energieriesen RWE Börsen-Chart zeigen rumort es gewaltig hinter den Kulissen: Angesichts der Krise des Energiekonzerns trommeln die Kommunen für Ex-Bundeswirtschaftsminister Werner Müller als künftigen Aufsichtsratschef. Er soll mit seinen politischen Kontakten das Ruder herumreißen. Amtsinhaber Manfred Schneider kämpft dagegen für den Ex-SAP-Finanzvorstand Werner Brandt als seinen Nachfolger.

In dem Personalstreit könnten diesen Freitag bei der Herbstsitzung des Aufsichtsrats in Essen die Weichen gestellt werden. Offiziell gewählt wird im kommenden Frühjahr.

Bei der Sitzung muss RWE-Chef Peter Terium außerdem den weiter dramatisch fallenden Aktienkurs erklären und Ängste der Kommunen vor weiteren Dividendenkürzungen zerstreuen. Thema dürfte außerdem die geplante Berufung neuer Vorstände für Netze, Erzeugung, Vertrieb und Erneuerbare Energien sein.

Die Aktie von RWE hat seit Januar mehr als 50 Prozent an Wert verloren - das Unternehmen muss laut "Handelsblatt" um seinen Verbleib im Dax Börsen-Chart zeigen fürchten. Auf lediglich noch 5,5 Milliarden Euro ist demnach die Marktkapitalisierung im Streubesitz durch den Kursverfall gesunken. Beim Fernsehsender ProSiebenSat.1 Börsen-Chart zeigen, dem nächsten möglichen Dax-Anwärter aus dem MDax Börsen-Chart zeigen, liege dieser für die Indexzugehörigkeit wichtige Wert derzeit bei zehn Milliarden, so das "Handelsblatt".

Eine Unternehmenssprecherin gibt sich angesichts der Zahlen der Zeitung zufolge zwar gelassen, wohl auch, weil die nächste reguläre Index-Revision erst im August 2016 erfolgt. Sollten sich die Kursverluste im gleichen Tempo fortsetzen, so besteht aber laut "Handelsblatt" die ernsthafte Gefahr für RWE, im Eilverfahren aus dem Dax geworfen zu werden. Das könnte bereits im November passieren, schreibt die Zeitung.

Aktie im freien Fall - und die Kommunen fürchten um die Dividende

Zum Retter in der Not könnten ausgerechnet die Kommunen werden, die bei RWE mit etwa einem Fünftel der Anteile nach wie vor stark engagiert sind. Je mehr Anteile sie verkaufen, desto höher steigt der Streubesitz der RWE-Aktie, was gegen einen Dax-Rauswurf schützen kann.

Die Kommunen verfolgen die Entwicklung des Unternehmens mit zunehmender Nervosität. Sie sorgen sich vor allem um die Dividenden, die in den knappen Haushalten an der Ruhr längst eingeplant sind. Zuletzt hatte RWE einen Euro pro Aktie gezahlt. Er stelle sich auf Kürzungen auf 50 oder 60 Cent und damit neue Millioneneinbußen ein, sagte Essens Stadtkämmerer Lars Martin Klieve jüngst. Der Chef der Dortmunder Stadtwerke, Guntram Pehlke, kritisierte in der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung" (WAZ) als großer Aktionär ungewöhnlich offen die Kommunikation des Vorstands.

Die Sitzung findet am Stammsitz in Essen statt und nicht, wie sonst oft im Herbst, an einem auswärtigen RWE-Standort. Den Verzicht auf Auslandsreisen sehen Beobachter als ein äußeres Zeichen für die extrem schwierige Lage. In der Stromerzeugung brechen RWE die Gewinne immer stärker weg. Gaskraftwerke rechnen sich meist gar nicht mehr, Kohleanlagen immer weniger. Wenn die Entwicklung so weiter läuft, drohen bei den Kraftwerken, dem einstigen Lieblingsgeschäft des Konzerns, in den kommenden Jahren sogar rote Zahlen. Der Einnahmeverlust ist so groß, dass alle Sparprogramme nicht genügen.

Auch RWE-Chef Terium steht stark unter Druck

Eine von der Branche lange erhoffte Entlohnung für das Bereithalten konventioneller Energie am Energiewende-Strommarkt ist weit und breit nicht in Sicht. Stattdessen gibt es von der Politik neue Klimaschutzauflagen, die zur Abschaltung von mehreren RWE-Braunkohleblöcken führen. Die hatten trotz des abgestürzten Börsenstrompreises immer noch Gewinn gemacht.

Der RWE-Aktienkurs fällt und fällt. Dienstag erreichte er ein neues Jahrestief. Damit hat sich der Wert der RWE-Aktie seit Jahresbeginn mehr als halbiert. Aktuell sorgen sich die Börsianer offensichtlich vor allem um die Atomrückstellungen des Konzerns. Nach mehreren Presseberichten hat ein noch nicht veröffentlichter branchenweiter Stresstest der Atom-Rückstellungen bei ungünstigen Zins-Szenarien Milliardenlücken ergeben. Die Zahlen wurden allerdings später vom Bundeswirtschaftsministerium dementiert.

Bedrohliche Atomkraftlasten

Schon jetzt hängen die Atomlasten wie ein Mühlstein an RWE: Rund zehn Milliarden Euro betragen die Rückstellungen dafür, die Aktien des Unternehmens sind aktuell aber nicht einmal mehr 7 Milliarden Euro wert. "Das geht doch nicht so weiter", schimpft ein großer kommunaler Aktionär. "Wenn Sie Börsenkapitalisierung und Atomlasten gegeneinander aufrechnen, ist RWE tot."

Von Werner Müller erhoffen sich die Kommunen eine erfolgreiche Sanierung und eine Lösung für die Atomlasten ähnlich wie bei der deutsche Steinkohle. Die hatte Müller über eine Stiftung erfolgreich und geräuschlos abgewickelt. Doch der 69-Jährige ist nicht bereit zu einer Kampfkandidatur gegen Schneiders Kandidaten Brandt, wie es mehrfach in seinem Umfeld hieß. Die Gewerkschaft IG BCE unterstützt Müller. Bis zum Freitag seien noch zahlreiche Gespräche zu führen, hieß es aus dem Umfeld der Gewerkschaft.

la/reuters

Mehr manager magazin
Zur Startseite

© manager magazin 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH