Hamburg - Die Jahreszahlen fallen tiefrot aus, der juristische Kampf mit der Ex-Chefin dürfte schmutzig werden, und bei seinem Reaktor-Hoffnungsträger kommt der Atomkonzern Areva nur schleppend voran. Kein Wunder, dass Areva-Chef Luc Oursel nach neuen Wegen sucht, um die Stimmung im Konzern zu heben.
Nun hat Oursel den Internet-Kurznachrichtendienst Twitter für sich entdeckt. Auf dem Twitter-Kanal von Areva schreibt Oursel seit Kurzem Meldungen unter dem Kürzel #LO. Seine "Meinungen, Reaktionen und Erlebnisse bei der Areva-Gruppe" will der 52-jährige Franzose laut Eintrag vom 17. Januar den Twitter-Fans mitteilen. Dort erfährt man etwa, dass Oursel vor wenigen Tagen in den USA war, um Anlagen zur Brennelemente-Herstellung zu besichtigen und neue Kraftwerksprojekte zu diskutieren. Der Besuch sei "sehr interessant" gewesen, schreibt Oursel artig. Zudem habe er Arevas US-Angestellten die "Ambition für den amerikanischen Markt" mitgeteilt.
Die Jahresbilanz, die Areva
heute vorlegt, kann Oursel aber kaum im freundlichen Plauderton auf Twitter kommentieren. Denn sie wird tiefrot ausfallen. Mitte Dezember musste der Konzern Abschreibungen in Höhe von 2,4 Milliarden Euro bekannt geben. Darin enthalten ist eine Wertberichtigung in Höhe von 1,5 Milliarden Dollar für den Uranminenbetreiber Uramin, den Areva vor fünf Jahren übernommen hatte. Zudem erhöht der Konzern Rückstellungen, weil sich der Bau eines neuen Druckwasserreaktors in Finnland weiter verzögert. Areva rechnet für 2011 mit einem operativen Verlust von bis zu 1,6 Milliarden Euro - nach einem Minus von 423 Millionen Euro im Vorjahr.
Die Folge dieser Zahlen ist ein Sparprogramm, das es in sich hat: Weltweit will Areva insgesamt 3000 von knapp 50.000 Stellen streichen. Bis zu 1500 Jobs sollen allein in Deutschland wegfallen, wo Areva bisher 6000 Mitarbeiter beschäftigt. Mehrere Projekte, wie eine Urananreicherungsanlage in La Hague, legt Areva bis auf Weiteres auf Eis. Die bisher geplanten Investitionen will Oursel bis 2016 um 35 Prozent auf 7,7 Milliarden Euro schrumpfen. Arevas Kosten sollen bis 2015 um eine Milliarde Euro sinken, zudem will Oursel Beteiligungen im Umfang von 1,2 Milliarden Euro verkaufen.
Trösten kann Oursel vielleicht die Summe, die dem Konzern nach der Auflösung des Jointventures mit Siemens zusteht. Denn die Münchner müssen Areva eine Vertragsstrafe in Höhe von 648 Millionen Euro dafür zahlen, dass sie aus dem gemeinsamen Bau eines neuartigen Druckwasserreaktors in Finnland überhastet ausgestiegen sind.
Atomunglück in Fukushima trübt Aussichten in Westeuropa
Zu schaffen machen dem Konzern, der zu 87 Prozent dem französischen Staat gehört und gut die Hälfte seiner Umsätze in Europa erzielt, nicht nur der teure Einkauf von Uramin. Areva bekommt die Folgen des Atomunglücks in Fukushima deutlich zu spüren. Zwar gelten die Druckwasserreaktoren (EPR), die der Konzern entwickelt, als weltweit fortschrittlichste und sicherste Technologie für Atomkraftwerke.
Zudem bietet Areva weit mehr als nur die Expertise beim Bau von Atomkraftwerken: Die Franzosen besitzen Uranminen, stellen Brennstäbe her, sorgen für die Wiederaufbereitung der Brennelemente und waren etwa in Deutschland auch beim Rückbau der stillgelegten Meiler Würgassen und Stade aktiv.
Doch das Fukushima-Unglück hat in der wichtigsten Absatzregion der Franzosen ein Umdenken ausgelöst, das die zwei wichtigsten Geschäftszweige von Areva bedroht: den Verkauf von nuklearen Brennstoffen und den Bau von Reaktoren. In Deutschland sind nun 8 der insgesamt 17 Reaktoren vom Netz, bis 2022 sollen die Deutschen gänzlich auf Strom aus Kernkraftwerken verzichten. In Italien hat eine Volksabstimmung die geplante Wiedereinführung der Atomkraft gestoppt. Belgien und die Schweiz wenden sich ebenfalls von der Atomkraft ab, in den Niederlanden droht der Bau eines zweiten Kernkraftwerks zu scheitern.
Wie groß derzeit die Unsicherheit in Westeuropa ist, zeigt der jüngste Bericht der internationalen Atomenergieagentur IAEA: Im pessimistischen Szenario sinkt die aus Atomkraftwerken stammende Kapazität in Westeuropa bis 2030 um 30 Prozent auf 83 Gigawatt, sagen die IAEA-Experten voraus. Im optimistischen Fall steigt die AKW-Leistung in den nächsten 18 Jahren auf 149 Gigawatt. Das ist aber noch immer um 17 Gigawatt weniger als in der Prognose von 2010.
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