Von Kristian Klooß und Janina Liersch
Hamburg - Die deutsche Solarbranche steckt in der Krise - mal wieder. Erst litten die Hersteller an der Siliziumknappheit. Dann zitterten sie bis zur Reaktorkatastrophe in Fukushima vor der Kappung der Einspeisevergütung. Heute kommt die Bedrohung aus China, wo derzeit ein Solargigant nach dem anderen die Bühne betritt. Im Juli rechnete die Unternehmensberatung PRTM vor, dass die Chinesen im vergangenen Jahr 45 Prozent des weltweiten Umsatzes im Fotovoltaikmarkt auf sich vereinigten. 2009 waren es noch 36 Prozent. Die operativen Gewinne versechsfachten die chinesischen Firmen dabei von 313 Millionen Euro im Jahr 2009 auf rund zwei Milliarden Euro im Jahr 2010.
Dem Kostendruck der chinesischen Massenanbieter sind die deutschen Hersteller fast hilflos ausgesetzt. Ein Blick auf die Quartalszahlen genügt, um dies zu erkennen. Q-Cells
, einst Vorzeigeunternehmen der Branche, zog nach einem Verlust von 354,8 Millionen Euro allein im zweiten Quartal dieses Jahres vergangene Woche
die Reißleine. Der Aufsichtsrat segnete den Konzernumbau ab. Dieser sieht eine Verlagerung der Solarzellenherstellung nach Malaysia vor, dazu einen drastischen Personalabbau in Deutschland. Den Umbau vorantreiben soll unter anderen der einstige Conergy-Vorstand Andreas von Zitzewitz.
Sein ehemaliges Unternehmen Conergy
, einst ein heißer Börsentipp, ist heute ein chronischer Pleitekandidat. Sechs ehemalige Manager, darunter der frühere Firmenpatron Dieter Ammer, müssen sich inzwischen gar
vor Gericht gegen die Vorwürfe der Marktmanipulation, der Bilanzfälschung und des Insiderhandels verteidigen. Die Führungskrise des Hamburger Energieunternehmens wird - nach 41 Millionen Euro Verlusten bis zur Jahresmitte - durch eine akute Finanznot verschlimmert.
Der Berliner Solarmodulhersteller Solon
schrieb im ersten Halbjahr 63 Millionen Euro Verlust. Und der Münchener Wettbewerber Centrosolar
dampfte jüngst seine Jahresziele ein, nachdem im zweiten Quartal der Umsatz im Vergleich zum Vorjahr von 124,2 Millionen auf 79,3 Millionen Euro eingebrochen war und statt des Vorjahresgewinns von 12,9 Millionen Euro nun ein Minus von 5,2 Millionen in der Bilanz steht.
Auch US-Anbieter können sich dem Preisdruck nicht entziehen
Die Liste ließe sich fortsetzen. Und sie gilt nicht nur für deutsche Hersteller. Anfang dieser Woche meldete der US-Hersteller Evergreen Solar Insolvenz an. Zwei Jahre lang hatte der Konzern mit vielen Mitteln versucht, sich gegen die billiger produzierenden Rivalen aus China zu behaupten. Dafür verlegten die Amerikaner sogar die eigene Herstellung aus Massachusetts in die Volksrepublik.
Der einst größte Fotovoltaikanbieter der Welt, das US-Unternehmen First Solar
, wurde in der aktuellen PRTM-Rangliste vom ersten Platz verdrängt. Spitzenreiter ist nun der chinesische Konzern Trina Solar.
Die ersten deutschen Anbieter auf der Liste - die Umsatz, Gewinne, Wachstum und Effizienz berücksichtigt - sind erst weiter hinten zu finden. Die Bosch-Tochter Aleo
schaffte es immerhin auf Platz 16, das Bonner Unternehmen Solarworld
auf Platz 17. Die Jahre, in denen die Liste von deutschen Herstellern dominiert wurde, sind vorüber.
Zumindest der Bosch-Sparte und der vom charismatischen Unternehmenschef Frank Asbeck geführten Solarworld AG traut der für das Ranking verantwortliche PRTM-Geschäftsführer Hans Kühn zu, Preiskampf und Konsolidierung zu überstehen. "Solarworld ist dank seiner vertikalen Integration gut aufgestellt", sagt Kühn. Von der Gewinnung des Solarsiliziums bis zur schlüsselfertigen Solarstromanlage habe das Unternehmen alle Produktionsprozesse unter einem Dach vereint. Allerdings werde diese Unabhängigkeit durch einen Mangel an Flexibilität gegenüber Nachfrage- und Marktveränderungen erkauft. "Es muss sich auch zeigen, inwieweit Solarworld mit der Wachstumsgeschwindigkeit der chinesischen Hersteller mithalten kann", sagt Kühn.
© manager magazin Online 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH