Donnerstag, 24. August 2017

Alle Artikel und Hintergründe

Radikal umsteuern oder untergehen Wie sich die Banken noch retten können

Frankfurt skyline with the Commerzbank headquarters is pictured in Frankfurt, Germany February 11, 2016. REUTERS/Ralph Orlowski/File Photo - RTX2I10D

Matthias Meifert
  • Copyright: HRpepper
    HRpepper
    Matthias Meifert ist Unternehmensberater, Publizist und geschäftsführender Gesellschafter der HRpepper Management Consultants, ein auf Fragen des Peoplemanagements spezialisiertes Beratungsunternehmen. Er lehrt an diversen Universitäten und wird seit 2013 vom Personalmagazin als einer der "40 führenden Köpfe im Personalwesen" geführt. Von 2010 bis 2014 beriet er als Mitglied des Beirats für Fragen der Inneren Führung den Bundesminister der Verteidigung.

Im Oktober 1990 prognostizierte der Deutsch-Banker Ulrich Cartellieri der Finanzbranche eine schwarze Zukunft. Das Geldverdienen werde immer schwieriger, die Zahl der Institute werde "drastisch zurückgehen" - und damit auch die Zahl der Arbeitsplätze. "Die Banken sind die Stahlindustrie der 90er Jahre", orakelte er damals düster und erhielt dafür ordentlich Schelte aus allen Bankvorständen der Republik.

Gut 25 Jahre später gibt es noch immer Banken in Deutschland. Und auch wenn die Anzahl an selbstständigen Instituten etwas abgenommen hat, es sind immer noch viele, sehr viele. In neuerer Zeit machen jedoch erneut pessimistische Prognosen die Runde. Vom Ende der Filialbank ist zu lesen, vom Ersatz des Geschäftes durch digitale Technologie und von Endzeitstimmung in den Vorstandsetagen.

Der Chef der frisch fusionierten DZ-Bank, Wolfgang Kirsch, hat jüngst vorausgesagt, dass die deutschen Volks- und Raiffeisenbanken bis 2021 wahrscheinlich etwa 2000 Filialen schließen werden. Das ist zwar weniger als ein Fünftel der aktuellen Geschäftsstellen, doch der Schock in der Branche sitzt tief. Denn ähnliche Nachrichten gibt es aus allen Ecken der Bankenwelt, unabhängig von Brexit und globaler Finanzkrise.

Erweisen sich Cartellieris Weissagungen mit einiger Zeitverzögerung als wahr? Hier kommen sechs Argumente, die belegen, warum es für die traditionellen Kreditinstitute eng wird. Und anschließend fünf Thesen, die zeigen, wie sie trotzdem überleben können.

1. Das Erlösdebakel

In den goldenen Zeiten kam der Erfolg einer Bank überwiegend aus der Struktur ihrer Bilanz. War der Unterschied zwischen den Kosten für die Einlagen und den Erlösen der Kredite großgenug, floss der Gewinn in Strömen - solange die Risiken halbwegs beherrscht wurden. Angesichts der niedrigen Zinsen brechen jedoch schon seit geraumer Zeit die Margen ein. Jeder zurückgezahlte Kredit schmerzt, denn jedes Neugeschäft ist deutlich weniger lukrativ. Das Schlimme daran ist, dass kein Ende dieses Zustands in Sicht ist. Denn die Zinsen werden aus politischem Kalkül wohl länger auf diesem geringen Niveau gehalten.

2. Uncooles Eigengeschäft

Mit den niedrigen Zinsen gehen auch Effekte für die Eigenanlagen der Banken einher. Es finden sich keine halbwegs risikoarmen Investitionsformen mehr, mit denen die Banken ihre Einlagenüberschüsse sinnvoll anlegen können. Hinzu kommt, dass die Finanzkrise ein berechtigtes Misstrauen in der Branche gesät hat: Wer konnte denn vor zehn Jahren annehmen, dass heute die Anleihen einiger EU-Staaten als spekulative Investments gelten würden?

3. Keine neuen Einnahmepotentiale in Sicht

Reflexartig argumentieren viele Bankvorstände, dass neue Einnahmepotentiale gefunden werden müssten, um den Rückgang der Zinsmarge auszugleichen. Meist meinen sie damit, die Provisionserträge, also Einnahmen aus Depots, Vermittlungen etc. Experten zweifeln mit Recht an, dass alle Banken in Deutschland es nahezu zeitgleich schaffen können, durch Provisionserträge ihr Erlösdelta zu schließen.

4. Die Kunden vergessen

Wenn man etwas pointiert auf die Bankenbranche schaut, kommt man zu der Erkenntnis, dass sie die einzige ist, die ihre Türen nur dann öffnet, wenn ihre Kunden keine Zeit haben. Bei allem Verständnis für tarifpolitische Herausforderungen: Das ist nicht mehr zeitgemäß. Zudem stellen sich weitere Fragen, die mit den Präferenzen der Klienten zusammenhängen: Wer geht heute noch in eine Bankfiliale? Was erhält er dort? Und warum sehen diese meist aus wie öffentliche Schreibstuben? Welches Bankgeschäft lässt sich eigentlich nicht komplett virtuell abwickeln? Weshalb sind Videoberatungen noch so selten? Welche Mehrwert liefern Banken überhaupt? Mögen Menschen Banken? Welche technologischen Errungenschaften werden noch kommen. Es wird Zeit, sich diese Fragen nicht nur zu stellen, sondern Antworten zu finden.

5. Angriff der High-Tech-Konkurrenten

In neuerer Zeit droht weiteres Ungemach: Mittlerweile besitzen alle großen IT-Konzerne aus den USA eine Banklizenz. Würde Google Börsen-Chart zeigen, Facebook Börsen-Chart zeigen, Apple Börsen-Chart zeigen & Co. ernst machen, könnte sich der Veränderungsdruck in der Branche noch einmal erheblich steigern. Gleiches gilt für die Telefonkonzerne. So verkündete jüngst die O2-Muttergesellschaft Telefonica Börsen-Chart zeigen: "O2 Banking setzt den Standard für das mobile Bankkonto der Zukunft und die Art und Weise, wie Menschen ihre Finanzen im digitalen Zeitalter managen." Anstelle von Zinsen erhalten die Kunden dort Datenvolumen zur Nutzung auf dem Smartphone gutgeschrieben. Daneben gibt es die Fintechs, wendige junge Start-ups, die neue digitale Angebote schaffen. Auch wenn es hierzulande noch große Hürden aus regulatorischer Sicht gibt: Der Markt verändert sich rasant. Das Fintech-Unternehmen N26, einst Number26, hat auch gerade eine Banklizenz erhalten und wird weitere Produkte anbieten. Es spricht viel dafür, dass bis 2025 die größten Banken zu Technologiefirmen mutiert sein werden. Ob sie dazu ein klassisches Filialgeschäft brauchen, ist mehr als fraglich.

6. Regulierungswut des Staats

Dass der Gesetzgeber auch nicht ganz unschuldig an der Misere ist, soll nur der Vollständigkeit halber erwähnt werden. Kaum eine Branche muss derart viel investieren, um den gesetzlichen Anforderungen gerecht zu werden. Das von einigen auch als "regulatorisches Geschwür" bezeichnete Phänomen ist unbestreitbar da und lähmt Kreativität. Trotzdem entlässt es keinen Verantwortlichen aus der Verpflichtung, für sein Haus eine Strategie zu finden, um die Zukunft zu gewinnen.

Seite 1 von 2
Nachrichtenticker

© manager magazin 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH