Donnerstag, 19. Oktober 2017

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Arbeitsrechtliche Tricks Wie die Commerzbank Führungskräfte aus dem Job drängt

Commerzbanks Vorstandschef Martin Zielke während der Hauptversammlung der Bank Anfang Main in Frankfurt.

In Krisensituationen stehen Führungskräfte besonders unter Druck. Mitunter versuchen Arbeitgeber, ihre leitenden Angestellten mit fragwürdigen Methoden zu zermürben und so langfristig loszuwerden. "Entleitung" heißt eine beliebte Methode, die derzeit die Commerzbank einsetzt.

Seit einigen Wochen macht die Commerzbank ernst: Der angekündigte Abbau tausender Stellen hat begonnen, auch viele leitende Angestellte sind betroffen. Da diese jedoch häufig weniger leicht zu kündigen sind als andere, setzt die Bank ein derzeit bei vielen Arbeitgebern beliebtes arbeitsrechtliches Mittel ein, um die leitenden Angestellten aus ihrem Job zu bekommen: die so genannte Entleitung. Was harmlos klingt, kann böse Folgen haben. Es geht dabei um nichts Geringeres, als den Mitarbeitern die Leistungen zu kürzen und damit so zu frustrieren, dass sie langfristig von selber gehen.

Die Entleitungsfalle

Die Entleitung kommt oft als unschuldig wirkendes Schreiben daher, in dem der leitende Angestellte darüber informiert wird, dass er ab sofort kein leitender Angestellter mehr ist. Anschließend wird die Entmachtung mit warmen Worten relativiert. Betroffene Commerzbanker stoßen dabei auf Zeilen wie: "Der Aufgabenbereich ändert sich durch die Herausnahme der Funktion aus dem Kreis der Leitenden Angestellten nicht" oder auch "Bei der Altersvorsorge ergeben sich durch eine Entleitung in der Regel keine Veränderungen".

Selbst wer das Schreiben gründlich liest, könnte meinen, es ändere sich nur ein Titel oder eine interne Bezeichnung, während der Aufgaben- und Verantwortungsbereich unverändert bliebe. Doch das ist mitnichten der Fall. Im Gegenteil: Wer die "Pro-forma-Änderung" nichtsahnend hinnimmt, tappt in die "Entleitungsfalle". Nur dass er davon zunächst nichts spürt. Denn in den meisten Fällen wirkt sich die Entleitung nicht unmittelbar auf die Leistungen aus, die dem Arbeitnehmer zustehen - sie werden schleichend abgebaut.

Erst der Parkplatz, dann der Bonus

Erst verliert die degradierte Führungskraft nur ihren Parkplatz - denn der steht schließlich nur leitenden Angestellten zu. Dann wird der Bonus gekürzt. Und irgendwann muss auch noch ein Teil der Betriebsrente dran glauben. Eines Tages, so das Kalkül, wird der Mitarbeiter die Zeichen der Zeit schon erkennen und sich von selbst einen neuen Job suchen.

Die gute Nachricht für die betroffenen Führungskräfte ist: In vielen Fällen ist eine solche Entleitung rechtlich problematisch - und zwar für den Arbeitgeber. Der darf einem leitenden Angestellten nicht einfach Leistungen entziehen, solange sich an dessen Aufgaben nichts ändert. Genau das ist in vielen Fällen bei der Commerzbank jedoch der Fall: Die Bank entleitet Führungskräfte, deren Aufgabenbereich bleibt jedoch gleich. Deshalb spüren die Mitarbeiter die Auswirkungen in der täglichen Arbeit nicht - wohl aber beim Langzeiturlaub oder bei der Altersvorsorge, also bei ihren Leistungen.

Durch die Entleitungen werden Mitarbeiter dazu gezwungen, auf Konfrontationskurs zu ihrem Arbeitgeber zu gehen, wenn sie ihre Position nicht verschlechtern wollen. Häufig bekommen Führungskräfte die Entleitung in Form eines allgemein gehaltenen Schreibens mitgeteilt oder als lieblos wirkende Tabelle. In diesem Fall ist es ratsam, den Vorgesetzten anzusprechen und von ihm eine klare und vor allem schriftliche Stellungnahme zu den konkreten Folgen einzufordern: Was bedeutet dies für das Gehalt, für die Karriere - und wie gedenkt der Arbeitgeber, etwaige Verschlechterungen zu kompensieren? Im nächsten Schritt können Betroffene dann der Entleitung widersprechen. Die nächste Eskalationsstufe ist die Auseinandersetzung vor Gericht.

Bei neuen Aufgaben droht der Jobverlust

Gefährlich wird es, wenn zusätzlich zur Entleitung auch noch die Aufgaben geändert werden sollen. Wer leichtfertig eine Aufgabe von geringerer Wertigkeit akzeptiert oder beispielweise ein neues Projekt übernimmt, gefährdet unter Umständen seinen Job! Denn bei der übernächsten Aufgabenänderung ist die geringwertigere Tätigkeit dann der Vergleichsmaßstab. Damit beginnt für die Führungskraft eine Abwärtsspirale: Mittelfristig sinkt zunächst die Verantwortung, dann das Gehalt. Im nächsten Schritt geht dann auch die potenzielle Abfindung flöten. Denn die orientiert sich meist am Gehalt.

Aber auch hier ist es möglich, sich zu wehren: Nach geltendem Recht darf ein Arbeitgeber die Aufgaben seiner Führungskräfte nicht einfach so ändern, sondern muss ihnen gleichwertige Tätigkeiten anbieten. Die Alternative wäre, eine Änderungskündigung auszusprechen. Indem er versucht, dies durch eine Entleitung zu umgehen, entzieht der Arbeitgeber dem Betroffenen in unzulässiger Weise seine Führungsverantwortung.

Auch wenn für Führungskräfte in vielen Punkten Sonderregelungen gelten: Arbeitsrechtlich genießen auch sie vollen Kündigungsschutz und haben damit sehr gute Chancen ihren Status nicht zu verlieren. Sie müssen es nur wollen.

Anmerkung der Redaktion: Der Autor arbeitet als Fachanwalt für Arbeitsrecht in Berlin, Frankfurt, Düsseldorf und München und vertritt unter anderem Führungskräfte der Commerzbank.

Die Commerzbank lehnte auf Nachfrage von manager-magazin.de eine Stellungnahme ab.

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