Sonntag, 19. November 2017

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Frankfurt vor - noch ein Tor Frankfurter Finanzplatz-Fanatismus

Keine Ente, eine Gans.

Schön, wenn Deutschlands Finanzhauptstadt Frankfurt vom Brexit profitiert. Leider legt die Diskussion bei einigen eigentlich sonst besonnenen Akteuren am Main ein gefährliches Rechtsverständnis offen.

Über kaum ein Thema wird derzeit am Finanzplatz Frankfurt mit größerer (Vor-)Freude geredet als die positiven Kollateralschäden des Brexit. Ob nun 1000 Banker von der Themse an den Main ziehen, 10.000 oder irgendetwas dazwischen: Frankfurt, jahrzehntelang im Schatten der City of London, macht Fortschritte, seinen inhärenten Minderwertigkeitskomplex gegenüber der britischen Hauptstadt abzulegen.

Und das völlig zurecht: Dass die Briten mit dem EU-Austritt ein phänomenales Eigentor geschossen haben, ist inzwischen common sense; zahlreiche außereuropäische Finanzkonzerne haben inzwischen angekündigt, Stellen nach Frankfurt zu verlagern. Die Stimmung ist also gut bis euphorisch.

Nur leider scheint sie einigen Finanzplatzmitgliedern, die von Berufs wegen eine nüchterne Sicht auf die Dinge haben sollten, den Blick zu vernebeln. Nicht anders zu erklären ist, warum mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) sowie der Börsen-Zeitung (BöZ) ausgerechnet die beiden wichtigsten in Frankfurt erscheinenden Presseorgane (neben "Titanic" natürlich!) die Haltung einnehmen, dass am besten nichts und niemand die Festtagslaune stören sollte. Schon gar nicht Carsten Kengeter, Vorstandschef der Deutschen Börse.

Dem geben FAZ und BöZ trotz massiver Ungereimtheiten in dessen Verhalten bis hin zu möglichem Insiderhandel carte blanche für eine zweite Amtszeit. Verbunden mit dem Hinweis, dass es eben Wichtigeres gebe als womöglich unsaubere Aktiendeals: nämlich die Jahrhundertchance Brexit zu nutzen. Zur Erinnerung: Im Dezember 2015 kaufte Kengeter Aktien der Deutschen Börse im Wert von 4,5 Millionen Euro und erhielt von seinem Arbeitgeber nochmals Gratisaktien im gleichen Umfang.

Das ist viel Geld, aber an sich nicht verwerflich, hätte Kengeter zu diesem Zeitpunkt nicht bereits in mehreren Gesprächen mit dem Chef der Londoner Börse das (potenziell aktienkurstreibende) Thema Fusion gestreift, wenn nicht vertieft erörtert. Für die Frankfurter Staatsanwaltschaft waren das sowie die verspätete Information der Öffentlichkeit über die Fusionsgespräche Anlass, Kengeter des Insiderhandels sowie den Konzern des Verstoßes gegen Publizitätspflichten zu verdächtigen. Sie spricht von "Organversagen", ein hartes Verdikt. Und sie erhebt ein Bußgeld von 10,5 Millionen Euro, gegen dessen Zahlung sie ihre Ermittlungen einstellen würde. Zudem wollen die Finanzaufsicht Bafin und Hessens Börsenaufsicht Kengeter einer Zuverlässigkeitsprüfung als Börsenchef unterziehen. Was dabei herauskommt ist noch völlig offen und natürlich gilt auch hier - wie immer - die Unschulds-Vermutung.

Für FAZ und BöZ ist der Fall dagegen bereits jetzt kristallklar. BöZ-Chefredakteur Claus Döring spricht angesichts der Ermittlungen gegen Kengeter und der Debatte über dessen Integrität von "Masochismus am Finanzplatz". In seiner Kolumne vom 18. August mahnt er, die Sache endlich ad acta zu erledigen - "um die Chancen des Brexit für den Standort zu nutzen". Zudem versteigt er sich zu der These, dass es ein Zeichen des Misstrauens dem eigenen Unternehmen gegenüber gewesen wäre, hätte Kengeter auf den Aktienkauf im Dezember 2015 verzichtet. Die Reaktion der bereits "jetzt so empört reagierenden Finanzgemeinde" wäre vermutlich noch harscher ausgefallen, mutmaßt er.

Demnach wäre es also schlimmer gewesen, wenn Kengeter alles dafür getan hätte, den fadenscheinigen Eindruck zu vermeiden, der jetzt die Behörden auf den Plan ruft. Ein putzige Argumentation.

Aber Döring findet schließlich auch, dass die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen und die Zuverlässigkeitsprüfung durch die Kontrollorgane "keine aufgeregten Schlagzeilen" wert gewesen wäre; schließlich gingen die Behörden ja nur ihrer Arbeit nach. So kann man es natürlich auch sehen.

Holger Steltzner, als Herausgeber des FAZ-Wirtschaftsteils quasi dessen Ressortleiter, geht noch weiter: "Kengeter tat, was ihm sein Arbeitgeber auftrug, und kaufte die Aktien nach Rücksprache mit der Rechts- und Compliance-Abteilung. Da war die Fusion noch nicht in trockenen Tüchern, wie heute jeder weiß", schrieb er am 20. Juli. Demnach konnte der bedauernswerte Börse-CEO also gar nicht anders, als sich für 4,5 Millionen Euro Aktien zu kaufen und für den gleichen Betrag welche schenken lassen. Was für eine Notlage!

Vollends in die Irre führt Steltzners Hinweis, dass Kengeters Verhalten schon deshalb nicht verwerflich sei, weil die Fusion zum Zeitpunkt der Aktienkäufe/-schenkungen ja noch nicht endverhandelt gewesen sei. Das ist Nonsens: Schon der Anschein vertiefter (nicht zwingend abgeschlossener) Fusionsgespräche reicht aus, um Kengeter unter Insiderhandelsverdacht zu stellen, wie die Ermittlungen belegen. Aber was soll's, denn der FAZ-Herausgeber findet schließlich auch: "Mit der Einstellung des Verfahrens könnte ein Schlussstrich unter die abermals gescheiterte Fusion mit der Londoner Börse gezogen werden. Für den Finanzplatz Frankfurt gibt es durch den Brexit auch Wichtigeres."

Als wenn weitere schlechte Nachrichten für Kengeter die Umzugspläne amerikanischer oder asiatischer Banken nach Frankfurt torpedieren würden und eine standortpolitisch agierende Justiz für Deutschlands Finanz-Hauptstadt eine feine Sache wäre.

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