Samstag, 16. Dezember 2017

Vorstandschef wechselt an Spitze des Aufsichtsrats Talanx - ein Idyll für reife Männer

Organisierte den Ringtausch: Talanx-Herrscher Wolf-Dieter Baumgartl

Wolf-Dieter Baumgartl (74) ist ein Mann der ganz alten Schule. Ende der sechziger Jahre, als er noch Jura studierte, vertickte er Fonds für Bernie Cornfeld und dessen skandalträchtigen Offshore-Fonds IOS. Mit Anfang 30 war er Vorstand, mit 47 Chef der zweitgrößten deutschen Versicherungsgruppe Aachener und Münchener. Mit 48 allerdings flog er dort schon wieder raus.

Das Comeback folgte prompt. 1993 zog er nach Hannover, sanierte den HDI, taufte den Industrieversicherer in Talanx um, kaufte den alten Rivalen Gerling und kündigte den Börsengang an, den er zwölf Jahre später als Aufsichtsratschef tatsächlich durchzog. Christian und Bettina Wulff (58, 44) erholten sich vom Stress der niedersächsischen Landespolitik in seinem Anwesen in der Toskana. Von dort und von seiner Villa am Starnberger See versah er seinen Job.

Kürzlich gab der Bayer das Rauchen auf, auch in Interviews hatte er filterlose Gitanes Mais Kette gequalmt. Kommenden Mai ist es auch mit dem Kontrollieren und Beaufsichtigen vorbei.

Der Stabwechsel folgt den eigentlich überkommenen Regeln der alten Deutschland AG - vor der Erfindung der Abkühlungsphase für Vorstandschefs. Der Hauptversammlung wird er den bisherigen Konzernchef Herbert Haas (62) als neues Oberhaupt des Kontrollgremiums präsentieren. Für Haas rückt anschließend der bislang für die internationalen Aktivitäten verantwortliche Torsten Leue (51) zur Nummer eins auf. Nach einer Anfrage des manager magazin machte der Konzern seine Pläne öffentlich.

Großaktionär zieht mit

Haas, der seinem Mentor über mehr als eineinhalb Dekaden erst als Finanz- und später als Vorstandschef zur Hand gegangen war, kann Baumgartl ohne Pause folgen, weil er die Mehrheit hinter sich weiß. Der HDI VVaG, ein Verbund großer deutscher Industriekonzerne, hält 79 Prozent der Aktien - und damit deutlich mehr als formal nötig wäre.

Leue, den Baumgartl und Haas vor sieben Jahren von der Allianz Börsen-Chart zeigen abwarben, setzte sich gegen Finanzchef Immo Querner (54) und den für das Privatkundengeschäft verantwortlichen Jan Wicke (49) durch. Mit ausschlaggebend war die gute Performance seines Arbeitsfeldes.

Querner, letzter Überlebender des alten Gerling-Establishments gilt als exzellenter Herr der Zahlen, zeigte aber wenig Ambitionen jenseits des eigenen Kerngeschäfts. Wicke, hatte sich 2014 aus dem Leitungsgremium der Bauspar und Versicherungskombi Wüstenrot & Württembergische verabschiedet, weil seine Chancen zur Nummer eins aufzusteigen mit der Bestellung eines nahezu gleichalten Kollegen zum CEO gegen Null gingen. In Hannover kommt er nicht zum Zug, weil er mit der Sanierung seines Bereichs längst nicht da ist, wo er längst hätte sein sollen.

Leue und Haas werden in den kommenden Monaten zunächst den zweitenTeil des anstehenden Generationenwechsel vorbereiten. Mit Industrieversicherungschef Christian Hinsch (62) und Rückversicherungsmann Ulrich Wallin (62) stehen zwei weitere Vorstandmitglieder kurz vor demRuhestand, die zusammen für beinahe zwei Drittel der gesamten Prämieneinnahmen verantwortlich zeichnen.

Parallel soll Leue dem Konzern endlich eine vernünftige Präsenz auf dem US-Markt verschaffen. Bis zu fünf Milliarden Euro kann er für Zukäufe ausgeben. Notfalls würde der Großaktionär zur Finanzierung des Deals sein Anteilspaket auf 50,1 Prozent reduzieren.

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