Montag, 20. November 2017

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Gebühren am Geldautomaten Wie die Sparkassen sich selbst abschaffen

Nehmen wir einmal an, Sie betreiben ein Fleischereifachgeschäft. Seit Jahrzehnten kommen Ihre treuen Kunden zu Ihnen. Die Kinder bekommen stets ein kostenloses Wiener Würstchen. Eines Tages erhalten Sie Konkurrenz durch einen Fleisch-Discounter genau neben Ihrem Geschäft. Die Folge: Ihre Umsätze gehen zurück. Aber dennoch gibt es Kunden, die Ihnen treu sind. Vor allem Familien mit kleinen Kindern. Die Kleinen bestehen nach wie vor darauf, dass Mama bei dem netten Laden mit dem kostenlosen Wiener Würstchen einkauft.

Jens-Uwe Meyer
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    Dr. Jens-Uwe Meyer ist Geschäftsführer der Innolytics GmbH. Mit neun Büchern (u.a. "Radikale Innovation", "Digitale Disruption") und mehr als 100 Fachartikeln ist er einer der engagiertesten Innovationsvordenker im deutschsprachigen Raum. Er berät mittelständische Unternehmen und Konzerne.
  • www.jens-uwe-meyer.de

Dann kommt ein Controller. Seine Idee: das kostenlose Würstchen abschaffen. Auf dem Papier ergibt das Sinn: 20 Wiener Würstchen täglich bei 200 geöffneten Tagen - das macht eine Einsparung in Höhe des Einkaufspreises von 4000 Wiener Würstchen. Was Ihnen Ihr Controller allerdings nicht sagt: Sie senken nicht nur Kosten, sondern verjagen gleich noch Ihre letzten Kunden.

Sparkassen und Genossenschaftsbanken bestehen zu einem großen Teil aus Controllern und anderen Finanzmathematikern. Von daher überrascht ihre Lösung gegen die aktuellen Umsatzrückgänge nicht: Gebühren am Geldautomaten. Für einen Banker mag die Lösung überzeugend klingen. Bundesbank-Vorstand Andreas Dombret spricht vom "Ende der Umsonstkultur". Banken könnten angesichts sinkender Einnahmen nur "Kosten senken oder Provisionen und Gebühren erhöhen."

Wie man sich sein eigenes Grab gräbt

Doch was im ersten Moment logisch klingt, wird langfristig fatale Folgen haben. Der Geldautomat ist der letzte stationäre Kontaktpunkt zwischen Banken und Kunden. Die einzige Möglichkeit, Kunden gezielt anzusprechen. Und das einzige Symbol dafür, dass es sinnvoll ist, seiner Hausbank treu zu bleiben. Vor zehn Jahren hätten Banken solche Gebühren problemlos erheben können. Die Kunden hätten kurz gemurrt, dann hätten sie die Kröte geschluckt. Sie hatten ja keine Alternative.

Doch wir leben nicht mehr im Jahr 2007, sondern im Jahr 2017 - mitten in einem Umbruch, den ich in meinem Buch "Digitale Disruption" beschreibe. Kunden haben Alternativen, die sie früher nicht hatten. Und zwar zu allen Angeboten einer Bank: Online-Banken ohne Filialen, dafür mit einer ausgezeichneten App. Finanzberatung durch sogenannte "Robo Advisors", Algorithmen, die Anlagevorschläge machen. Kreditmarktplätze, auf denen private Investoren Unternehmen Geld leihen. Und natürlich: Bargeldlos zahlen mit dem Smartphone. Gerade hier ist der Kampf schon in vollem Gange.

Banking ohne Banken

Nachrichten aus Australien schaffen es selten, den Lauf der Geschichte zu beeinflussen. Doch das jüngste Urteil der Australian Competition and Consumer Commission (ACCC) könnte richtungsweisend im Kampf um die Dominanz beim bargeldlosen Zahlen sein. Vier Banken hatten geklagt. Sie wollten Zugang zur Apple-Technologie des kontaktlosen Zahlens erhalten. Die Kommission machte ihnen einen Strich durch die Rechnung. Apple Pay kann Banken von der Nutzung der eigenen Technologie ausschließen. Anders gesagt: Zahlen ohne Banken ist möglich.

Was die Verantwortlichen bei Sparkassen und Volksbanken nicht bedenken: Es gibt kaum eine bessere Werbung für bargeldloses Zahlen als Gebühren am Geldautomaten. Im Silicon Valley dürften die Korken knallen. Eine bessere PR- und Marketingkampagne hätten sich selbst die Strategen von Apple Börsen-Chart zeigen, Google Börsen-Chart zeigen und Paypal Börsen-Chart zeigen nicht ausdenken können.

Was bleibt von Banken übrig, wenn der Kredit auf dem Internetmarktplatz vermittelt und die Geldanlage von einem Robo Advisor betreut wird? Wozu braucht es überhaupt noch eine Bank, wenn sie beim Zahlungsverkehr irgendwann außen vor bleibt?

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