Sonntag, 21. Oktober 2018

Führungsdebatte in Deutscher Bank Zwei Kronprinzen - keine Lösung

Christian Sewing, einer der beiden Kronprinzen der Deutschen Bank für den CEO-Posten.

Der nachfolgende Text ist eine aktualisierte Version einer Exklusiv-Geschichte, die in der Oktober-Ausgabe des manager magazins erschien (hier geht es zum Abo).

Die Rolle des grundehrlichen Deutschbankers mit Nähe zu Land und Leuten beherrscht Christian Sewing (47) wie kaum ein Topmanager des Konzerns. Mitte September gab der Privat- und Firmenkundenvorstand, Typ aufrechter Westfale, vor 100 ausgewählten Kunden der Bank in der Hauptverwaltung zu Köln eine Vorstellung, mit Anleihen volksnaher Poesie. "Im Sturm", so Sewing mit Blick auf die turbulente Vergangenheit der Bank, "bekommen Bäume tiefe Wurzeln." Das Publikum, darunter schwerreiche Unternehmer wie die Metallwarensippe Prym und Lokalgrößen wie Aktionskünstler HA Schult (78), applaudierte zögernd ob der Kunde von seiner angeblich wiedererstarkten Hausbank.

Bei betont bodenständigem Fingerfood (Knackwurst in Blätterteig) plauderte Sewing anschließend übers Schneeschippen und den mauen Aktienkurs. Schließlich muss er auf seiner bundesweiten Goodwilltour bei der heimischen Kernklientel die Lücke füllen, die der Abgang von Ex-Vorstandschef Jürgen Fitschen (69) gerissen hat. Wo Sewing hinkommt, da menschelt es.

Dass er irgendwann - wie früher Fitschen - von der Chefkanzel zu seinem Bankvolk sprechen wird, ist dagegen nicht sehr wahrscheinlich. Zwar hat Aufsichtsratsvorsitzender Paul Achleitner (61) Sewing und Investmentbankvorstand Marcus Schenck (52) zu Stellvertretern von CEO John Cryan (57) ernannt, dessen Amtszeit offiziell 2020 endet, doch bei Investoren wächst - erst recht nach der bestürzenden Überraschungs-Meldung vom erneuten Jahresverlust - nicht nur die Skepsis, ob Cryan so lange noch der Richtige ist.

Sie zweifeln auch daran, dass die beiden Kronprinzen einzeln oder als Doppelspitze das Format haben, die Deutsche Bank zu führen. "Die Schonfrist läuft ab. Es ist viel wahrscheinlicher, dass der nächste CEO von außen kommt", heißt es bei einem Großanleger, der ausspricht, was einige der einflussreichen Aktionäre denken.

Damit droht der Bank eine Führungskrise, die fast tragikomische Züge trägt. Gerade erst hat sie ihr Kapital erhöht, die größten Rechtsstreitigkeiten beigelegt und die Nahtoderfahrung vom Herbst 2016 halbwegs verdaut, als Aktien- und Anleihekurse ins Bodenlose fielen. Schon stellt sich wieder die CEO-Frage.

Dabei war Cryan 2015 angetreten, den von Skandalen und Intrigen zerrütteten Konzern zu befrieden und auf Sparkurs zu trimmen. Sparen kann er zweifelsohne, doch es mangelt ihm an Enthusiasmus, Empathie und geschäftlichem Geschick, um die verunsicherte Bank zu gesunden. Deren Erträge schmelzen schneller als die Kosten.

Das Ergebnis ist ein Konzern, der gefangen ist zwischen dem Wunsch, welt- oder zumindest europaweit an der Spitze mitzumischen, und der Wirklichkeit: renditeschwaches Mittelmaß.

Dass Cryan über 2020 hinaus verlängert, wie er kokettiert, ist unvorstellbar für Hamad Bin Khalifa Al Thani (65) und Hamad Bin Jassim Bin Jabor Al Thani (58). Die Vettern aus Katar und der chinesische HNA-Konzern dominieren den Eigentümerkreis mit zusammen fast 20 Prozent der Aktien, einschließlich Optionen.

Ihr Wohlwollen brauchte Cryan; allerdings meidet er enge Kontakte zu Katarern und Chinesen, obwohl sie die Kapitalerhöhung gestemmt haben. Ein neuer Einflussfaktor sind die US-Investoren von Cerberus, allerdings hält deren Chef-Renditejäger Stephen Feinberg lediglich gut drei Prozent der Anteile. Wahrscheinlich ist daher, dass Cryan nach Umsetzung des Sparprogramms "Oak Tree" ("Eiche") zur Hauptversammlung 2019 gehen muss. Spätestens.

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